Kantonsdaten

Regionale Konjunkturindikatoren der Kantone: Quellen und Aussagekraft

Wer wissen will, wie sich die Wirtschaft im Kanton Zürich im vergangenen Monat entwickelt hat, findet in der amtlichen Statistik keine Antwort.

Warum kantonale Konjunkturzahlen meist zu spät kommen

Wer wissen will, wie sich die Wirtschaft im Kanton Zürich im vergangenen Monat entwickelt hat, findet in der amtlichen Statistik keine Antwort. Das Bundesamt für Statistik (BFS) liefert provisorische Daten zum Bruttoinlandprodukt (BIP) der Kantone erst mit einer Verzögerung von rund zwei Jahren. Etwas aktueller sind die vierteljährlichen BIP-Schätzungen der Kantone des Instituts für angewandte Wirtschaftswissenschaften der Fakultät HEC der Universität Lausanne (Créa). Auch sie erscheinen mit etwa einem halben Jahr Verzögerung und sind wegen ihrer tiefen Frequenz für eine aktuelle Konjunkturanalyse wenig geeignet.

Damit klafft zwischen dem Informationsbedarf von Unternehmen, Verwaltungen und Medien und dem Publikationsrhythmus der etablierten Quellen eine Lücke von mehreren Monaten bis zu zwei Jahren. Der folgende Überblick ordnet die heute verfügbaren Quellen nach drei Kriterien ein: Publikationsfrequenz und Verzugsdauer, kantonale Gliederung sowie Eignung für die jeweilige Fragestellung.

Amtliche und nationale Referenzgrössen als Rahmen

Nationale Referenzgrössen liefert das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Die Expertengruppe Konjunkturprognosen des Bundes erwartet gemäss Medienmitteilung vom 17. September 2026 für 2026 ein Wachstum der Schweizer Wirtschaft von 1,7 % (Juni-Prognose: 0,9 %) und für 2027 unverändert 1,6 %. Als erhebliche Konjunkturrisiken nennt sie den Iran-Konflikt, hohe Energiepreise und die anhaltende handelspolitische Unsicherheit.

Hinzu kommen die laufenden SECO-Publikationen: Die vierteljährliche Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Schweiz erscheint rund 60 Tage nach Quartalsende, die experimentelle Schnellschätzung des BIP-Wachstums (Flash-BIP) rund 45 Tage nach Quartalsende. Ergänzend stehen ein experimenteller hochfrequenter Index zur wöchentlichen Wirtschaftsaktivität, der Sammelindikator Konjunkturstimmung Schweiz für die Stimmungslage der Unternehmen und die Konsumentenstimmungsumfrage für das Stimmungsbild der Haushalte zur Verfügung. Die Reihe «Konjunkturtendenzen» erläutert die Wirtschaftslage im In- und Ausland samt aktuellen Prognosen.

Für die Beurteilung einzelner Kantone taugen diese Grössen nicht direkt, denn sie sind nicht nach Kantonen gegliedert. Ihr Nutzen für die regionale Analyse liegt darin, dass sie den gesamtschweizerischen Rahmen setzen: Erst vor dieser Vergleichsfolie lassen sich kantonale Abweichungen als über- oder unterdurchschnittlich einordnen.

Swiss REco-Index: monatliche Echtzeitschätzung für jeden Kanton

Gemeinsam mit verschiedenen Wirtschaftspartnern hat die Fachhochschule Graubünden das Swiss Regional Economic (Swiss REco) Dashboard aufgebaut – eine Sammlung fortlaufend aktualisierter Echtzeitdaten zur Wirtschaftsentwicklung in den einzelnen Kantonen. Herzstück ist der Swiss Regional Economic Index (Swiss REco-Index), eine Schätzung des monatlichen Wirtschaftswachstums, spezifisch für jeden Kanton der Schweiz. Er stützt sich auf Datenquellen, die schweizweit verfügbar, mindestens nach Kantonen differenziert und zeitnah veröffentlicht werden. Die Daten im Dashboard reichen bis ins Jahr 2019 zurück, der Index ist ab 2019 verfügbar.

Zu den verwendeten Grössen gehören kantonal zuordenbare Exportwerte wie die Uhrenexporte. Der Index wird in Wirtschaftskommentaren und Medien aufgegriffen: Der Wirtschaftsmonitor der Graubündner Kantonalbank nennt für 2025 ein gesamtschweizerisches Wachstum von 1,0 % nach Swiss REco-Index gegenüber 1,4 % gemäss SECO-Schätzung und weist für die Kantone Basel-Stadt 2,5 %, Genf 2,0 %, Zürich 0,8 % und Waadt 0,7 % aus. Für das erste Quartal 2026 zeigt die Nowcast-Schätzung des Index ein Wachstum von 1,1 % gegenüber dem Vorjahr (Vorquartal: 0,7 %): kräftig in Bern und Aargau, schrumpfend für Zürich, stagnierend für Genf und mit geringem Wachstum für Basel.

Ergänzend erscheint ein quartalsweise publizierter Schweizerischer Regionaler Wirtschaftskommentar, der auf dem Swiss REco-Index aufbaut; die erste Ausgabe 2025 trägt den Titel «Leichte Aufhellung der Konjunktur in den Schweizer Kantonen».

Créa-Indikatoren: vierteljährliche Schätzungen mit anderen Stärken

Die Créa-Indikatoren der Universität Lausanne sind die zweite etablierte Quelle für kantonal gegliederte Konjunkturdaten. Sie schätzen das kantonale BIP vierteljährlich und erscheinen mit etwa einem halben Jahr Verzögerung. Für eine Momentaufnahme des laufenden Monats kommen sie damit zu spät; für die Einordnung eines abgeschlossenen Quartals und den Vergleich zwischen Kantonen bleiben sie eine Referenz.

Die Auswertung erfolgt nach Kantonen und Grossregionen: In der Berichterstattung vom Juni 2025 stiegen die Konjunkturindikatoren nur in den Grossregionen Zürich und Mittelland. Der Unterschied zum Swiss REco-Index liegt im Takt und in der Datenbasis: Der Swiss REco-Index liefert monatliche Schätzungen ab 2019, die Créa-Reihe vierteljährliche Werte mit rund einem halben Jahr Verzug. Wer eine längere Periode abdecken will, stützt sich auf die amtliche BIP-Reihe des BFS, die jedoch nur mit rund zwei Jahren Verzögerung publiziert wird.

Was die Zahlen zeigen – und wo sie an Grenzen stossen

Die wirtschaftliche Entwicklung der Kantone verläuft unterschiedlich; Stagnation und Wachstum sind nicht synchron. Nach einer stagnierenden oder teils rückläufigen Entwicklung von Juli 2023 bis Mai 2024 zeigten die Monatsdaten des Swiss REco-Index in vielen Kantonen wieder leichtes Wachstum. In Basel-Stadt, Genf und Zürich lag das durchschnittliche Wachstum in den Sommermonaten Juli und August 2024 bei 1,3 bis 1,8 %, während das BIP in den beiden wirtschaftlich wichtigen Kantonen Waadt und Bern schrumpfte; Bern wies seit August 2023 negatives Wachstum aus. Auch unter den grossen Kantonen driften die Raten auseinander: Für das erste Quartal 2026 weist der Index für Bern und Aargau kräftiges Wachstum aus, für Zürich ein schrumpfendes, für Genf ein stagnierendes und für Basel ein geringes.

Bei der Interpretation sind mehrere methodische Punkte zu beachten. Kantonale Werte sind Schätzungen oder Nowcasts, keine Messungen der tatsächlichen Wirtschaftsleistung, und sie werden bei neuen Daten üblicherweise revidiert. Die publizierten Raten sind häufig Vorjahresvergleiche: Der Wirtschaftsmonitor weist für das vierte Quartal 2025 ein Wachstum von 0,7 % gegenüber dem Vorjahr aus und für Zürich im ersten Quartal 2026 ein schrumpfendes BIP im Vergleich zum Vorjahresquartal – wer eine Veränderung zum Vorquartal sucht, wird in diesen Reihen nicht fündig. In kleinen Kantonen stützt sich ein solcher Index auf wenige Branchen und Unternehmen, weshalb einzelne Werte stärker ausschlagen können als in grossen, breit diversifizierten Kantonen. Ein einzelner Indexwert belegt daher keine kantonale Wirtschaftslage abschliessend; belastbar wird das Bild erst durch den Vergleich mehrerer Monate und die Gegenprüfung mit nationalen Grössen.

Vergleich der kantonalen Wachstumsraten im ersten Quartal 2026 (Swiss REco-Index)

Bern
kräftiges Wachstum
Aargau
kräftiges Wachstum
Zürich
schwaches Wachstum / Schrumpfung
Genf
Stagnation
Basel-Stadt
geringes Wachstum

Entwicklung des Swiss REco-Index: Monatsvergleiche 2023–2024

  • Juli 2023 – Mai 2024 — Stagnation oder rückläufige Entwicklung in vielen Kantonen

Vorteile und Grenzen von kantonalen Konjunkturindikatoren

  • Vorteile (Pro)Monatliche Echtzeitschätzungen (Swiss REco), Vergleichbarkeit zwischen Kantonen, aktuelle Tendenzerkennung
  • Grenzen (Con)Schätzungen, keine Messungen; oft Vorjahresvergleiche; geringere Zuverlässigkeit in kleinen Kantonen; Revisionsbedarf bei neuen Daten

Kurzfristige Konjunktur von langfristiger Wettbewerbsfähigkeit trennen

Der Kantonale Wettbewerbsindikator (KWI) der UBS gibt Aufschluss über das langfristige relative Wachstumspotenzial der Kantone. In der Ausgabe 2025 bleibt Zug der langfristig wettbewerbsfähigste Kanton, gefolgt von Basel-Stadt und Zürich; mit deutlichem Abstand folgen Waadt und Aargau. Das breite Mittelfeld umfasst neun Kantone mit soliden Wachstumsaussichten, sieben Kantone weisen eine relativ moderate Wettbewerbsfähigkeit auf. Die Bergkantone Uri, Graubünden und Wallis sowie Neuenburg und Jura verzeichnen im Vergleich zu den übrigen Kantonen geringe langfristige Wachstumsaussichten.

Der KWI beleuchtet zusätzlich die Exportabhängigkeit und die Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Schocks. Die höchste Resilienz gegenüber Handelshemmnissen weisen Zürich, Waadt, Genf, Zug und Basel-Stadt auf. Besonders stark von US-Importzöllen betroffen sind Nidwalden und Neuenburg, da 44 beziehungsweise 38 % ihrer Exporte auf die USA entfallen. Bei den langfristigen Aussichten wirken vor allem das Arbeitsmarkt- und das Kostenumfeld: In mehr als der Hälfte der Kantone wird die Erwerbsbevölkerung in den kommenden zehn Jahren sinken oder stagnieren. Der Steuerwettbewerb hat durch die OECD-Mindestbesteuerung etwas an Bedeutung eingebüsst, für den Grossteil der Unternehmen bleiben die kantonalen Steuersätze jedoch massgebend.

Solche Strukturindikatoren beantworten eine andere Frage als monatliche Konjunkturwerte. Sie messen Potenziale über Jahre, nicht die aktuelle Auslastung, und dürfen nicht als Konjunkturbarometer gelesen werden. Wer kurzfristige Ausschläge sucht, nutzt den Swiss REco-Index oder die Créa-Quartalswerte; wer Standortentscheide, Exportrisiken oder die demografische Entwicklung beurteilen will, greift zum KWI.

Langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Kantone nach UBS-KWI 2025

  1. 1. Zuglangfristig wettbewerbsfähigster Kanton
  2. 2. Basel-Stadthoch wettbewerbsfähig
  3. 3. Zürichhoch wettbewerbsfähig
  4. 4. Waadtsolide Aussichten
  5. 5. Aargausolide Aussichten
  6. Bergkantone (Uri, Graubünden, Wallis) & Neuenburg, Juraniedrige langfristige Wachstumsaussichten

Praktische Einordnung für Unternehmen, Verwaltung und Medien

Für die Kombination der Quellen hat sich eine Aufgabenteilung bewährt: Die amtlichen BFS-Daten zum kantonalen BIP liefern die belastbare, aber rund zwei Jahre alte Grundlage für Niveauvergleiche und längere Reihen. Der Swiss REco-Index zeigt, was im laufenden Monat in einzelnen Kantonen geschieht, und eignet sich für die aktuelle Lagebeurteilung sowie für das frühzeitige Erkennen von Kantonen, die vom nationalen Trend abweichen. Die Créa-Indikatoren dienen dem Quartalsvergleich zwischen Kantonen und Grossregionen. Die nationalen SECO-Grössen – Prognosen, vierteljährliche Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Flash-BIP, wöchentliche Wirtschaftsaktivität, Konjunktur- und Konsumentenstimmung – setzen den Referenzrahmen, vor dem kantonale Werte zu lesen sind. Für Standort-, Export- und Arbeitsmarktfragen kommt der Kantonale Wettbewerbsindikator hinzu.

Bei jeder Zahl sind vier Punkte zu prüfen: erstens die Frequenz (Monat, Quartal, Jahr), zweitens der Publikationsverzug bis zum Stichtag, drittens der Vergleichsmassstab – die veröffentlichten kantonalen Wachstumsraten sind Vorjahresvergleiche, nicht Veränderungen zum Vorquartal – und viertens die zugrunde liegenden Datenquellen, etwa Exportwerte wie die Uhrenexporte. Wer diese vier Angaben zu einem Wert kennt, kann einschätzen, ob er eine aktuelle Tendenz, eine Quartalsbewegung oder ein langfristiges Potenzial beschreibt – und ob der Unterschied zwischen zwei Kantonen aussagekräftig genug ist, um darauf eine Entscheidung zu stützen.

Wichtige Konjunkturindikatoren und ihre Publikationsfrequenz

BFS-BIP (amtlich)
alle 2 Jahre
Swiss REco-Index
monatlich
Créa-Indikatoren
vierteljährlich
SECO-Forecasts
jährlich (mit Quartalsprognosen)
Flash-BIP
45 Tage nach Quartalsende

Mehr aus Kantonsdaten

Konjunktur

BIP-Komponenten der Schweiz: Konsum, Investitionen und Aussenhandel einordnen

2024 lag das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz real, also zu Preisen des Vorjahres, 1,4 Prozent über dem Wert von 2023 (2023: +0,8 Prozent).

Konjunktur

BIP-Wachstum der Schweiz: Was Quartalszahlen für Budgets bedeuten

Im 2. Quartal 2026 wuchs das sportevent-bereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz gegenüber dem Vorquartal um 1,5 Prozent, nach 0,5 Prozent im Vorquartal.

Kantonsdaten

Beschäftigung nach Kantonen vergleichen: Datenquellen und Unterschiede

Wer Beschäftigungszahlen zweier Kantone nebeneinanderlegt, vergleicht oft zwei verschiedene Grössen.

Kantonsdaten

Kantonale Wirtschaftsstruktur: Wertschöpfung und Betriebsgrössen vergleichen

Drei Fragen erfassen die Wirtschaftsstruktur eines Kantons aus unterschiedlichen Richtungen. Der Branchenmix zeigt, in welchen Wirtschaftszweigen die Beschäftigung liegt.