Indikatoren
Wirtschaftsindikatoren der Schweiz verstehen: Frühindikatoren, Preise und Signale
Wirtschaftsindikatoren sind statistische Grössen, die Zustand und Richtung einer Volkswirtschaft abbilden.
Wirtschaftsindikatoren einordnen: Signale statt Messwerte
Wirtschaftsindikatoren sind statistische Grössen, die Zustand und Richtung einer Volkswirtschaft abbilden. Entscheidend ist der Zeitpunkt ihres Signals: Vorlaufende Frühindikatoren deuten künftige Entwicklungen an, gleichlaufende Indikatoren beschreiben die aktuelle Lage, nachlaufende bestätigen einen Verlauf erst im Rückblick. In der Schweiz stützt sich die Beobachtung auf eine breite Palette solcher Grössen – von Unternehmensumfragen über den Aussenhandel bis zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.
Einzelne Werte bleiben Momentaufnahmen: Sie schwanken, werden nachträglich korrigiert und sind entsprechend vorsichtig zu lesen. Das KOF-Konjunkturbarometer etwa wurde für April 2023 von 96,4 auf 96,1 Punkte revidiert, als das Institut Ende Mai den neuen Stand meldete. Auch die amtliche Statistik überarbeitet ihre Reihen. Die Revision 2025 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Bundesamts für Statistik hält fest, dass wichtige Indikatoren, die für die Quartalisierung verwendet werden, ihrerseits Revisionen erfahren. Wer Indikatoren nutzt, liest deshalb keine endgültigen Messwerte, sondern Signale mit einer gewissen Unschärfe.
Frühindikatoren: KOF-Konjunkturbarometer und PMI
Das KOF-Konjunkturbarometer des ETH-Konjunkturforschungsinstituts KOF gilt als Frühindikator für die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft. Es bündelt eine Vielzahl von Einzelindikatoren – seit der jüngsten Revision sind es 608 –, die über statistisch ermittelte Gewichte zu einem Gesamtindikator zusammengefasst werden.
Aussagekräftig sind Richtung und Abstand zu den Erwartungen. Im Mai 2023 sank das Barometer auf 90,2 Punkte, ein Rückgang um 5,9 Punkte gegenüber dem revidierten Aprilwert von 96,1. Von der Nachrichtenagentur AWP befragte Expertinnen und Experten hatten Werte zwischen 94,0 und 97,5 Punkten prognostiziert; der tatsächliche Wert lag also deutlich darunter. Damit notierte das Barometer weiter unter seinem mittelfristigen Durchschnitt und näherte sich dem bisherigen Tiefpunkt von 89,3 Punkten im November 2022. Die Abwärtsbewegung ging laut KOF vor allem von Indikatoren für das Verarbeitende Gewerbe sowie für Finanz- und Versicherungsdienstleistungen aus; auch die übrigen Dienstleistungen und die Auslandsnachfrage sendeten negative Signale, während sich der private Konsum leicht positiv zeigte. Die stärksten negativen Treiber waren Indikatoren zur Beurteilung der Geschäftslage und zu Produktionshemmnissen; die Beurteilung der Produktionskapazitäten fiel leicht positiv aus.
Als zweiter wichtiger vorlaufender Indikator gilt der Einkaufsmanager-Index (PMI). Beide Grössen erfassen Stimmungen und Erwartungen von Unternehmen und können sich widersprechen. Aussagekraft gewinnt ein Frühindikator deshalb erst im Zusammenspiel mit anderen Reihen und im Vergleich zu den publizierten Prognosen.
Entwicklung des KOF-Konjunkturbarometers: Mai 2023 bis Mai 2024
- Mai 2023 — 90.2
Vergleich der Erwartungen und des tatsächlichen Werts des KOF-Konjunkturbarometers im Mai 2023
- 94,0Erwartete Werte (von Experten)
- 90,2Tatsächlicher Wert
Vorteile und Grenzen von Frühindikatoren wie dem KOF-Konjunkturbarometer und PMI
- VorteileFähigkeit zur frühzeitigen Erkennung von Konjunkturwenden; berücksichtigt Stimmungen und Erwartungen von Unternehmen.
- GrenzenKann sich widersprechen mit anderen Indikatoren; unterliegt Revisionen; ist nur ein Signal, kein endgültiger Messwert.
Aussenhandel als gleichlaufender Konjunkturindikator
Die Aussenhandelsstatistik der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) ist für die Schweiz ein zentraler gleichlaufender Konjunkturindikator. Sie zeigt Entwicklung und Struktur des grenzüberschreitenden Warenverkehrs und erlaubt Rückschlüsse auf die inländische wie die ausländische Konjunkturlage.
Da jeder gewerbsmässige Import und Export anmeldepflichtig ist, kommt die Statistik einer Vollerhebung gleich. Pro Jahr werden fast 21 Mio. Import- und Exportanmeldungen verarbeitet; rund 95% der Import-Zollanmeldungen erfolgen elektronisch, beim Export rund 45%. Die EZV bereitet die Daten auf und informiert mindestens einmal monatlich, namentlich mittels Medienmitteilung. Veröffentlicht werden die neusten Ergebnisse in absoluten Frankenwerten sowie Mengenangaben und die nominalen und realen Veränderungsraten, jeweils mit dem Vorjahresmonat als Vergleichsbasis. Die Werte des laufenden Jahres gelten dabei als provisorisch.
Für die realen Raten setzt die EZV den Mittelwertindex als Deflator ein. Er bildet die Preisentwicklung im Aussenhandel approximativ ab, gestützt auf die Durchschnittswerte je Warenposition. Wer die Zahlen liest, sollte nominale und reale Werte unterscheiden: Ein Anstieg der Exporte in Franken kann teilweise auf höhere Preise zurückgehen und bedeutet nicht zwingend mehr Menge.
Entwicklung der regionalen Konjunktur in der Schweiz (2024)
- Tessin und MittellandBoomen
- ZürichHinkt hinterher
Preise, Teuerung und Kaufkraft verstehen
Preise verändern die Aussagekraft praktisch aller Wirtschaftsindikatoren. Nominale Grössen – Umsätze, Löhne, Exportwerte – enthalten die Teuerung; erst bereinigt um Preisveränderungen zeigen sie, ob real mehr oder weniger geleistet, verdient oder gekauft wurde. Genau das leistet ein Deflator, wie ihn die Aussenhandelsstatistik mit dem Mittelwertindex verwendet.
Für den privaten Konsum in der Schweiz wirken mehrere Kräfte gleichzeitig. Die KOF-Konjunkturprognose vom März 2024 erwartete für 2024 einen schwachen Anstieg des privaten Konsums: Der Preisauftrieb, insbesondere in der ersten Jahreshälfte, und steigende Ausgaben für die obligatorische Krankenversicherung belasteten die Kaufkraft. Gestützt wurde der Konsum insgesamt durch die anhaltend gute Arbeitsmarktlage und das Bevölkerungswachstum, auch wenn privater Konsum und verfügbares Einkommen pro Kopf leicht sanken. Nach Rückgängen in den Vorjahren wurden wieder Reallohnzuwächse erwartet, die die Kaufkraft stärken. Für das folgende Jahr rechnete die KOF mit einer Zunahme der Ausgaben der privaten Haushalte, gestützt durch eine sich allmählich abflachende Teuerung.
Investitionen und Bau: Signale aus der Binnenwirtschaft
Die Binnenwirtschaft liefert eigene Signale. Nach Einschätzung der KOF dämpften rückläufige Ausrüstungsinvestitionen die Schweizer Konjunktur; der Rückgang erstreckte sich auf fast alle Investitionsgüter. Am aktuellen Rand seien die Ausrüstungsinvestitionen wieder auf das Niveau vor der Pandemie zurückgefallen – teils als Normalisierung nach überdurchschnittlichen Jahren, teils als Ausdruck einer aktuellen Investitionsschwäche. Insbesondere in der Industrie hat sich das Investitionsklima deutlich abgekühlt. Aktuelle Umfragen zeigen jedoch eine allmähliche Aufhellung der Investitionserwartungen.
Die Bauinvestitionen verharrten auf tiefem Niveau. Gründe waren der Rückgang der Wohnbauinvestitionen und die anhaltende Investitionsschwäche in Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen. Grössere Projekte im Tiefbau und in der öffentlichen Infrastruktur stützten den Sektor, was aus Sicht der KOF eine Erholung der Bauinvestitionen im folgenden Jahr wahrscheinlich machte.
Für die Beurteilung helfen Investitionsumfragen und die Beobachtung grösserer Bauprojekte. Umfragen fragen Unternehmen nach ihren geplanten Ausgaben und wirken damit vorlaufend, während Bauprojekte und Baubewilligungen die tatsächliche Bautätigkeit mit Verzögerung abbilden. Beide Grössen zusammen zeigen, ob die Binnenwirtschaft die Konjunktur dämpft oder zu tragen beginnt.
BIP und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
Das Bruttoinlandprodukt (BIP) misst den Wert aller in einem Zeitraum im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen und ist die zentrale Grösse der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Es bündelt, was viele Einzelindikatoren nur ausschnittsweise zeigen, und liegt selbst erst mit Verzögerung und in revidierter Form vor.
Für die Schweiz prognostizierte die KOF im Frühjahr 2024 einen Anstieg des sportbereinigten BIP von 1,2% für das Jahr 2024; für 2025 wurde eine Wachstumsrate des sportbereinigten BIP von 1,8% erwartet. Die Bereinigung um Sportereignisse ist nötig, weil Grossanlässe die Zahlen verzerren können. Im ersten Halbjahr 2024 wuchs die Schweizer Wirtschaft nur verhalten; eine konjunkturelle Belebung erwartete die KOF erst in der zweiten Jahreshälfte, wenn die internationale Nachfrage wieder anzieht.
Zur Einordnung gehören zwei technische Punkte: die Quartalisierung und die Revisionen. Die VGR wird in Quartalswerte zerlegt, wobei wichtige Indikatoren, die für die Quartalisierung verwendet werden, ihrerseits Revisionen erfahren – so hält es die Publikation «Revision 2025 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung» des Bundesamts für Statistik fest. BIP-Zahlen sind deshalb vorläufige Schätzungen, die sich mit neuen Daten ändern. Für die Beurteilung des Wohlstands gilt zudem, dass das BIP nur einen Teil abbildet: Das Indikatorensystem Wohlfahrtsmessung des Bundesamts für Statistik setzt den Schwerpunkt auf Lebensqualität und darauf, dass die Bevölkerung über genügend Mittel verfügt, um ihre Bedürfnisse zu decken.
Wachstumsprognosen für das BIP der Schweiz (sportbereinigt)
- 20241,2%
- 20251,8%
Arbeitsmarkt und Beschäftigung als Stabilitätssignal
Der Arbeitsmarkt gehört zu den stabilisierenden Grössen der Schweizer Konjunktur. Die KOF-Prognose vom März 2024 erwartete trotz schwachen BIP-Wachstums ein solides Beschäftigungswachstum und eine weiterhin tiefe Arbeitslosenquote. Beschäftigung und Arbeitslosigkeit bestätigen eine Entwicklung eher, als dass sie sie vorwegnehmen.
Der Zusammenhang zum Konsum läuft über die Löhne. Reallohnzuwächse, die nach den Rückgängen der Vorjahre wieder erwartet wurden, stärken die Kaufkraft und stützen zusammen mit dem Bevölkerungswachstum den privaten Konsum. Umgekehrt kann ein knapper Arbeitsmarkt das Wachstum bremsen: Die SECO-Studie zum Arbeitskräftemangel in der Schweiz hält fest, dass in den vergangenen Jahren ein ausgeprägter Arbeitskräftemangel herrschte. Wer den Arbeitsmarkt beobachtet, achtet daher sowohl auf Mengen – Beschäftigung und Arbeitslosigkeit – als auch auf Knappheitssignale.
Indikatoren richtig lesen: Revisionen, Erwartungen und Grenzen
Indikatoren widersprechen sich häufig. Im Mai 2023 signalisierten das Verarbeitende Gewerbe sowie die Finanz- und Versicherungsdienstleistungen eine deutliche Eintrübung, während sich der private Konsum leicht positiv zeigte. Solche Gegensätze sind normal und kein Fehler der Statistik, sondern Ausdruck unterschiedlicher Geschwindigkeiten in den Branchen.
Auch Prognoseabweichungen gehören zum Alltag: Erwarteten Expertinnen und Experten im Mai 2023 Werte zwischen 94,0 und 97,5 Punkten, meldete die KOF 90,2 Punkte. Nachträgliche Revisionen – beim Konjunkturbarometer ebenso wie in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung – verschieben das Bild zusätzlich. Regionale Indikatoren wie die Créa-Konjunkturindikatoren für die Schweizer Grossregionen zeigen überdies, dass sich die Lage innerhalb des Landes unterschiedlich entwickelt.
Kein einzelner Indikator bildet die Schweizer Wirtschaft vollständig ab. Sinnvoll ist eine Kombination aus Frühindikatoren wie dem KOF-Konjunkturbarometer und dem PMI, gleichlaufenden Grössen wie der Aussenhandelsstatistik und der VGR sowie ergänzenden Angaben zu Preisen und Arbeitsmarkt. Wer Richtung, Grössenordnung und Revisionen mitdenkt, statt auf einen einzelnen Punktwert zu starren, nutzt Indikatoren so, wie sie gedacht sind: als Signale, nicht als abschliessende Messwerte.
Schritte zur korrekten Interpretation von Wirtschaftsindikatoren
- 1. Unterscheidung zwischen vorlaufend, gleichlaufend und nachlaufendNicht alle Indikatoren zeigen die gleiche Zeitdynamik.
- 2. Berücksichtigung von RevisionenZahlen werden nachträglich angepasst – z. B. beim KOF-Konjunkturbarometer oder in der VGR.
- 3. Vergleich mit ErwartungenAbweichungen von Prognosen sind normal und signalisieren oft eine Trendwende.
- 4. Kombination mehrerer IndikatorenEinzelne Werte reichen nicht aus – Verwendung von Früh-, gleich- und nachlaufenden Grössen.
Quellen
- dievolkswirtschaft.ch/de/2009/10/pfammatter-3
- nau.ch/news/wirtschaft/kof-konjunkturbarometer-trubt-sich-d…
- kof.ethz.ch/news-und-veranstaltungen/medien/medienmitteilungen/2…
- fuw.ch/tessin-und-mittelland-boomen-zuerich-hinkt-als-einzi…
- dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/36178571/master
- suedostschweiz.ch/graubuenden/zuerich-kof-konjunkturbarometer-truebt-s…
- dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/33550074/master
- x28.ch/wp-content/uploads/sites/8/SECO-Studie-Arbeitskraeft…