Kantonsdaten

Kantonale Wirtschaftsstruktur: Wertschöpfung und Betriebsgrössen vergleichen

Drei Fragen erfassen die Wirtschaftsstruktur eines Kantons aus unterschiedlichen Richtungen. Der Branchenmix zeigt, in welchen Wirtschaftszweigen die Beschäftigung liegt.

Kantonale Wirtschaftsstruktur: drei Perspektiven auf denselben Raum

Drei Fragen erfassen die Wirtschaftsstruktur eines Kantons aus unterschiedlichen Richtungen. Der Branchenmix zeigt, in welchen Wirtschaftszweigen die Beschäftigung liegt. Die Betriebsgrössenstruktur gibt an, wie gross die einzelnen Unternehmen sind und wie sie sich auf Grössenklassen verteilen. Die Wertschöpfung beziffert die daraus entstehende wirtschaftliche Leistung. Die Perspektiven widersprechen sich nicht, denn sie messen Verschiedenes: Betriebe, Beschäftigte und erzeugter Wert sind nicht dasselbe.

Die typischen Verzerrungen zeigen sich erst im Zusammenspiel. Ein Kanton mit starkem Finanz- und Immobiliencluster kann eine hohe Wertschöpfung pro Kopf ausweisen, obwohl er wenige Betriebe zählt und die Beschäftigung von wenigen grossen Arbeitgebern getragen wird. Ein Kanton mit breitem Gewerbe und vielen Kleinstbetrieben weist dagegen breit verteilte, aber tiefer bewertete Beschäftigung auf. Wer die drei Kennzahlen nebeneinanderlegt, sieht, ob die Leistung aus vielen kleinen Betrieben, wenigen grossen oder einem einzelnen Branchencluster stammt.

Wertschöpfung und Beschäftigung: Kanton Zug vs. Kanton Solothurn

  • BIP pro Kopf (Zug) — 175000

Wertschöpfung pro Kopf und Arbeitsproduktivität als Messlatten

Die gebräuchlichste Vergleichszahl ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf: die kantonale Wirtschaftsleistung geteilt durch die Wohnbevölkerung. Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind gross. Der Kanton Zug kommt gemäss regiosuisse auf gut CHF 175'000 BIP pro Kopf. Solche Werte zeigen, dass ein Kantonsvergleich ohne Bezugsgrösse – hier die Wohnbevölkerung – wenig aussagekräftig ist.

Die zweite Messlatte ist die Arbeitsproduktivität. Laut regiosuisse errechnet sie sich aus der Bruttowertschöpfung geteilt durch die Anzahl Vollzeitäquivalente (VZÄ). Für Strukturfragen ist sie aussagekräftiger als das BIP allein, weil sie die erzeugte Leistung auf den tatsächlichen Arbeitseinsatz und nicht auf die Wohnbevölkerung bezieht. Ein Kanton mit vielen Zupendlern oder hoher Erwerbsbeteiligung kann beim BIP pro Kopf gut abschneiden, während die Produktivität anders ausfällt. Die VZÄ bereinigen Teilzeitarbeit, sodass Kantone mit hohem Teilzeitanteil nicht systematisch unterschätzt werden.

Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf nach Kantonen

  • Kanton Zug — 175000

Betriebsgrössen: KMU-Definition, Kleinstbetriebe und Ein-Personen-Firmen

Das Bundesamt für Statistik (BFS) definiert KMU als marktwirtschaftliche Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten. Über 99 Prozent aller Schweizer Unternehmen fallen in diese Kategorie. Die Schwelle knüpft an die Zahl der Beschäftigten an, nicht an Vollzeitäquivalente oder Umsatz. Ein Unternehmen mit vielen Teilzeitangestellten kann daher allein wegen der Kopfzahlen unter oder über der Grenze liegen. Innerhalb der KMU-Kategorie liegen Welten zwischen einem Betrieb mit wenigen Beschäftigten und einem mit 249. Die KMU-Forschung unterteilt die Gruppe deshalb weiter, unter anderem in Kleinstunternehmen (Schweizer KMU-Studie der Universität St. Gallen).

Nach unten differenziert fallen Firmenzahlen und Beschäftigungsgewicht auseinander. Ein-Personen-Unternehmen machen 53,2 Prozent aller Unternehmen aus, stehen aber nur für 5,5 Prozent der Beschäftigung. Für den Kantonsvergleich heisst das: Wer die Betriebsgrössenstruktur über Firmenzahlen liest, überschätzt die Kleinstbetriebe. Wer den Beschäftigungsbeitrag sucht, muss die Anteile je Grössenklasse an der Beschäftigung betrachten. Ein Kanton mit hohem Anteil an Ein-Personen-Firmen erscheint im Firmenranking gross, im Beschäftigungsbild klein.

Branchenmix im Vergleich: urbane Zentren und ländliche Kantone

Der Branchenmix unterscheidet sich systematisch nach Raumtyp. In ländlichen Gebieten sind gemäss regiosuisse vor allem das verarbeitende Gewerbe und die Landwirtschaft gut vertreten. Urbane Gebiete haben überdurchschnittlich hohe Beschäftigungsanteile in der Finanzindustrie sowie im Grundstück- und Wohnungswesen. Damit geht ein Produktivitätsgefälle einher: Urbane Gebiete haben tendenziell einen produktiveren Branchenmix, ländliche einen vergleichsweise hohen Beschäftigungsanteil in unterdurchschnittlich produktiven Branchen.

Damit wird der Branchenmix von einer reinen Strukturgrösse zum Erklärungsfaktor für Wertschöpfungsunterschiede: Weil die Arbeitsproduktivität massgeblich von der Branchenzusammensetzung abhängt, schlägt sich diese direkt in der kantonalen Produktivität nieder. Wie stark ein einzelner Sektor wirkt, lässt sich auch kantonal beziffern. Der Tourismus trägt gemäss der Tourismusstrategie des Bundes substanziell zur Schweizer Wirtschaftsleistung bei. Für den Kanton Solothurn liegt die Studie «Die Wertschöpfung des Tourismus im Kanton Solothurn 2017» vor, die regionale und zeitliche Abgrenzungen festhält. Sie dokumentiert, wie ein solcher Wert für einen einzelnen Kanton und ein einzelnes Jahr berechnet wird.

Strukturwandel: wo zwischen 2011 und 2021 Stellen entstanden sind

Zwischen 2011 und 2021 entstanden in der Schweiz rund 400'000 neue vollzeitäquivalente Stellen. Die meisten davon in periurbanen und urbanen Gebieten; in ländlichen Gemeinden wuchs die Beschäftigung nur unterdurchschnittlich. Laut regiosuisse gewannen vor allem das Gesundheits- und Sozialwesen sowie das Grundstücks- und Wohnungswesen, während das verarbeitende Gewerbe und die Landwirtschaft ein rückläufiges Beschäftigungsvolumen zeigen. Als Treiber nennt die Quelle Technologie, Demografie und Globalisierung.

Weil die Wirtschaftszweige unterschiedlich stark wachsen oder schrumpfen, überträgt sich derselbe nationale Trend je nach Branchenstruktur anders auf die Gesamtbeschäftigung einer Region. Neben Gründen wie tiefer Wettbewerbsfähigkeit, schlechterer Erreichbarkeit und schwacher Neugründungsdynamik wirkt daher auch die Wirtschafts- und Branchenstruktur auf die kantonale Entwicklung. Bemerkenswert: Grösstenteils sind es dieselben Branchen, die in ländlichen und urbanen Gebieten grössere Beschäftigungsveränderungen erfahren. Der Unterschied liegt im Gewicht dieser Branchen im jeweiligen Kanton.

Entwicklung der Beschäftigung in der Schweiz (2011–2021)

2011–2021: Gesamtentwicklung
400'000 neue VZÄ
Gesundheits- und Sozialwesen
Starkes Wachstum
Grundstücks- und Wohnungswesen
Starkes Wachstum
Verarbeitendes Gewerbe
Rückgang
Landwirtschaft
Rückgang

Kantone vergleichen: Indikatoren bündeln statt Einzelzahlen gegenüberstellen

Für einen belastbaren Vergleich gehören mindestens vier Angaben zusammen: BIP pro Kopf, Arbeitsproduktivität, Beschäftigungsanteile der wichtigsten Branchen und Verteilung der Beschäftigung nach Betriebsgrössenklassen. Erst diese Kombination zeigt, ob ein hoher Wert aus dem Branchenmix, der Betriebsgrössenstruktur oder einer einzelnen Domäne stammt.

Vor dem Zahlenvergleich ist die Bezugsgrösse zu prüfen. Vollzeitäquivalente und Beschäftigte (Kopfzahlen) ergeben unterschiedliche Resultate; die KMU-Definition des BFS knüpft mit der Schwelle von 250 Beschäftigten an Kopfzahlen an. Ebenso wenig dürfen Firmenzahlen mit Beschäftigungsanteilen verwechselt werden: Ein-Personen-Unternehmen prägen die Unternehmenszahl stark, tragen aber nur wenig zur Beschäftigung bei.

Schliesslich sind Datengrundlage und Erhebungsjahr offenzulegen. Strukturzahlen stammen aus unterschiedlichen Quellen und Zeitpunkten; sektorspezifische Wertschöpfungsrechnungen – etwa die Tourismusstudie für den Kanton Solothurn 2017 – beruhen auf eigenen regionalen und zeitlichen Abgrenzungen. Wer Erhebungsjahre oder Abgrenzungen mischt, vergleicht nicht dasselbe. Zudem ist es sinnvoll, Struktur (Anteile) und Entwicklung (Veränderung der Vollzeitäquivalente) getrennt auszuweisen, statt beides in einer Rangliste zu vermischen.

Wichtigste Kennzahlen zur kantonalen Wirtschaftsstruktur

  • 99%KMU-Anteil an Unternehmen
  • 2011Neue VZÄ zwischen und 2021 — 400'000

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