Konjunktur

BIP-Wachstum der Schweiz: Was Quartalszahlen für Budgets bedeuten

Im 2. Quartal 2026 wuchs das sportevent-bereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz gegenüber dem Vorquartal um 1,5 Prozent, nach 0,5 Prozent im Vorquartal.

1,5 Prozent – und was hinter dieser Zahl steckt

Im 2. Quartal 2026 wuchs das sportevent-bereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz gegenüber dem Vorquartal um 1,5 Prozent, nach 0,5 Prozent im Vorquartal. Das ist der stärkste Zuwachs seit dem 3. Quartal 2021. Den grössten Impuls lieferte die chemisch-pharmazeutische Industrie; zugleich nahm die Wertschöpfung in zahlreichen weiteren Branchen zu, und die Binnennachfrage erholte sich nach einem schwachen Jahresauftakt. Das SECO publizierte diese Zahlen am 3. September 2026.

Der Quartalsbericht weist das BIP auf drei Berechnungswegen aus – Produktions-, Verwendungs- und Einkommensseite – und je in unbereinigter sowie saison- und kalenderbereinigter Fassung; zusätzlich bestehen sportevent-bereinigte Tabellen. Für die Budgetierung zählt, welche Version zitiert wird: Die saison- und kalenderbereinigte Reihe zeigt die Veränderung gegenüber dem Vorquartal ohne regelmässige jahreszeitliche Muster, die Sportevent-Bereinigung rechnet Effekte grosser Sportereignisse heraus. Eine unbereinigte Zahl oder ein Vorjahresvergleich sagt etwas anderes aus als die oft zitierte Quartalsveränderung.

Breit abgestützt heisst nicht breit verteilt: Rund zwei Drittel des Wachstums entfielen auf den Bereich Industrie und Chemie-Pharma, wie das SECO auf Anfrage der Agentur AWP präzisierte. SRF berichtet für das zweite Quartal von einem Aufholeffekt nach zuvor eher schwachen Quartalswerten; in einer AWP-Umfrage hatten Ökonomen lediglich mit einem Wachstum zwischen 0,2 und 0,4 Prozent gerechnet. Diese Lücke zwischen Erwartung und Ergebnis ist der planungsrelevante Teil der Meldung.

BIP-Wachstum der Schweiz: Quartalsvergleich 2026

  • 1. Quartal 2026 — 0.5
  • 2. Quartal 2026 — 1.5

Anteil des Wachstums an Industrie und Chemie-Pharma im 2. Quartal 2026

  1. Industrie und Chemie-Pharma — ca. 2/3 des Wachstums

Warum die erste Zahl keine Budgetgrundlage ist

Die Daten zum zweiten Quartal basieren auf einer Schnellschätzung des SECO nach 45 Tagen. Noch unvollständig verfügbare Grunddaten werden dabei mit prognostizierten Werten ergänzt; die später verfügbaren vollständigen und aktualisierten Daten können das Ergebnis entsprechend verändern. Mit der Publikation vom 3. September 2026 hat das SECO die revidierten Jahresdaten des Bundesamts für Statistik vom 25. August 2026 in die Quartalsdaten integriert. Eine Zahl, die im August veröffentlicht wurde, kann deshalb im September anders aussehen.

Der Publikationskalender macht den Rhythmus planbar: Die nächste provisorische Publikation zum 3. Quartal 2026 ist auf Montag, 30. November 2026, 9 Uhr angesetzt. Wer Quartalswerte für die Planung verwendet, stützt sich daher besser auf die Richtung über mehrere Quartale und auf die Bandbreite zwischen Schnellschätzung und detaillierter Schätzung als auf den Erstdruck.

Für die Budgetierung folgt daraus ein Vorgehen: Konjunkturannahmen als Bandbreite führen statt als Punktwert, Revisionen als festen Bestandteil des Planungsprozesses einbauen und einen Quartalswert erst dann in ein verbindliches Budget übernehmen, wenn er mit den eigenen Auftrags-, Absatz- und Kostenentwicklungen übereinstimmt.

Wichtige Publikationsdaten für BIP-Daten 2026

  • 25. August 2026 — Revidierte Jahresdaten des Bundesamts für Statistik veröffentlicht
  • 3. September 2026 — SECO veröffentlicht Schnellschätzung für 2. Quartal 2026
  • 30. November 2026, 9 Uhr — Nächste provisorische Publikation für 3. Quartal 2026

Vom BIP zur eigenen Umsatz- und Kostenplanung

Das BIP ist ein Aggregat über die gesamte Volkswirtschaft. Ein Wachstum, das überwiegend von der chemisch-pharmazeutischen Industrie getragen wird, sagt nichts über die Nachfrage im Detailhandel, im Baugewerbe oder bei lokalen Dienstleistern aus. SRF berichtet für das zweite Quartal von einer wieder optimistischeren Stimmung im Dienstleistungssektor, ohne dass dieser das Wachstum getragen hätte. Für Absatzbudgets bleibt die eigene Auftragslage die erste Grundlage; das BIP dient als Rahmen für Szenarien, nicht als Umsatzprognose.

Sondereffekte verzerren die Quartalszahl zusätzlich. Die FuW nennt Pharma, Finanzen und die Fifa als Faktoren, die das BIP im zweiten Quartal besonders nach oben geschoben haben. Solche Einmaleffekte erhöhen die ausgewiesene Rate, ohne dass die wiederkehrende Nachfrage im gleichen Mass gestiegen ist. Wer Personal- oder Investitionsbudgets daraus ableitet, plant auf einen Effekt, der im nächsten Quartal fehlen kann.

Sinnvoll ist eine gestaffelte Ableitung: zuerst bestimmen, welche eigenen Positionen überhaupt mit der Konjunktur schwanken – Mengen und Preise auf der Erlösseite, Löhne, Material-, Energie- und Logistikkosten auf der Kostenseite –, dann je Position eine Bandbreite festlegen und Investitionsentscheide in Stufen auslösen, statt sie an eine einzelne Wachstumsrate zu binden. Die Personalplanung folgt der Auftragslage erfahrungsgemäss mit Verzögerung und ist damit ein schlechter Empfänger für kurzfristige Quartalsausschläge.

Steuerschätzungen: Wenn das BIP zum Budgetfaktor wird

Auf Bundesebene ist das BIP-Wachstum direkt eine Planungsgrösse: Der Voranschlag 2027 mit integriertem Aufgaben- und Finanzplan 2028–2030 des Eidgenössischen Finanzdepartements, veröffentlicht am 19. August 2026, stützt die Finanzplanung unter anderem auf das BIP-Wachstum ab. Wie stark öffentliche Haushalte von der Wirtschaftsleistung abhängen, zeigt eine Kennzahl: Von drei Franken, die in der Schweiz erwirtschaftet werden, geht einer durch die Hände des Staates. Die Personalausgaben der öffentlichen Verwaltungen betrugen 2023 in der Schweiz 6'732 Franken je Einwohner; 7,3 Prozent des BIP entfielen auf Staatsbedienstete.

Steuereinnahmen folgen der Wirtschaftsentwicklung mit Verzögerung: Einkommens- und Gewinnsteuern werden nach Abschluss des Steuerjahres veranlagt und über Vorauszahlungen und Schlussabrechnung beglichen. Die Konjunkturlage eines einzelnen Quartals schlägt sich deshalb nicht unmittelbar in der Kasse von Kanton oder Gemeinde nieder. In unsicheren Phasen budgetieren Kantone und Gemeinden entsprechend zurückhaltend und planen Reserven statt der vollen Ausschöpfung erwarteter Mehreinnahmen.

Für mehrjährige Finanzplanungen ist die Konsistenz der Annahmen entscheidend: Werden für die Planjahre unterschiedliche Wachstumsraten verwendet, müssen diese aus derselben Grundlage abgeleitet sein, sonst entstehen Sprünge, die sich weder gegenüber der Legislative noch gegenüber der Bevölkerung begründen lassen.

Über das Quartal hinaus: Produktivität entscheidet

Das SECO berechnet Langfristszenarien für das BIP der Schweiz bis ins Jahr 2070 und aktualisiert sie vierteljährlich. Im Referenzszenario wächst das BIP in den nächsten 45 Jahren um über 80 Prozent. Im Jahr 2024 lag das reale BIP bei rund 780 Milliarden Franken, was pro Kopf etwa 86'000 Franken entsprach. Für das BIP pro Kopf ist das Produktivitätswachstum ausschlaggebend; die Bevölkerungszunahme hat einen geringeren Einfluss.

Diese Szenarien sind unverzichtbar für Verwaltung und Politik – etwa für die Fiskalpolitik, Infrastrukturprojekte und Strukturreformen – und sie bilden die Grundlage für weitere Projektionen, namentlich für die Finanzperspektiven von AHV und IV. Das SECO unterscheidet dabei Kurzfristprognosen für das laufende und das folgende Jahr, Mittelfristprognosen und Langfristszenarien; die Konjunkturprognosen erstellt eine Expertengruppe des Bundes einmal pro Quartal.

Für mehrjährige Budgets und Rückstellungen heisst das: Die tragende Annahme ist die Produktivitäts- und Erwerbsbevölkerungsentwicklung über einen ganzen Zeitraum, nicht ein einzelner Quartalswert. Ein starkes Quartal verschiebt eine auf Jahrzehnte angelegte Finanzperspektive nicht messbar.

Was Quartalszahlen für Budgets nicht leisten

Quartalszahlen sind keine Kassenprognose. Sie sind saison-, kalender- und sportevent-bereinigt, sie können durch Einmaleffekte wie Pharma-Exporte, den Finanzsektor oder Grossanlässe überzeichnet sein, und sie werden revidiert. Sie beschreiben zudem die ganze Volkswirtschaft, nicht eine Branche, einen Kanton oder ein einzelnes Unternehmen. Die Differenz zwischen einer guten BIP-Zahl und einer guten eigenen Rechnung kann deshalb erheblich ausfallen.

Vier Faustregeln für die Budgetierung: Erstens Konjunkturannahmen immer als Bandbreite führen und nicht als Punktwert. Zweitens Sensitivitätsszenarien rechnen – wie verändert sich das Ergebnis, wenn Umsatz oder Nachfrage um einen definierten Prozentsatz tiefer ausfallen, als angenommen –, statt die Wachstumsrate zu übernehmen. Drittens die Annahmen über die Planjahre staffeln, damit ein starkes Quartal nicht alle Folgejahre mitzieht. Viertens die nächste SECO-Publikation zum 3. Quartal 2026 am 30. November 2026, 9 Uhr, als festen Kontrollpunkt setzen und die eigenen Annahmen daran überprüfen.

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