Kantonsdaten
Beschäftigung nach Kantonen vergleichen: Datenquellen und Unterschiede
Wer Beschäftigungszahlen zweier Kantone nebeneinanderlegt, vergleicht oft zwei verschiedene Grössen.
Beschäftigung nach Kantonen vergleichen: Was die Zahlen leisten können
Wer Beschäftigungszahlen zweier Kantone nebeneinanderlegt, vergleicht oft zwei verschiedene Grössen. Erwerbspersonen, Erwerbstätige, Erwerbsquote und Beschäftigungsvolumen in Vollzeitäquivalenten beantworten je eine andere Frage: Wie viele Personen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung? Wie viele haben tatsächlich eine Stelle? Wie viele Arbeitsstunden stecken dahinter? Der erste Schritt ist deshalb die Wahl der Kennzahl, nicht die Suche nach Daten.
Absolute Kopfzahlen sagen zunächst vor allem etwas über die Kantonsgrösse. Eine Statista-Zusammenstellung der Erwerbstätigen nach Kantonen für 2023 nennt für Bern 553'464, für die Waadt 401'971, für den Aargau 382'016 und für St. Gallen 280'532 Erwerbstätige. Solche Werte zeigen die regionale Verteilung der Beschäftigung, taugen aber nicht als Aussage über die Arbeitsmarktlage: Bevölkerungszahl und Zahl der Arbeitsstunden bleiben darin unberücksichtigt.
Das Bundesamt für Statistik stellt Erwerbspersonen pro Kanton, Bezirk und Stadt bereit. Diese Gliederung erlaubt Vergleiche unterhalb der Kantonsebene, weil sich ein Bezirk oder eine Stadt in dieselbe Systematik einordnen lässt. Wer wissen will, ob ein Kanton mehr Beschäftigung aufweist oder nur mehr Einwohnerinnen und Einwohner, braucht zusätzlich eine Bezugsgrösse wie die ständige Wohnbevölkerung oder die Zahl der Arbeitsstunden.
Erwerbstätige nach Kantonen (2023) – Absolute Zahlen
Woher die kantonalen Zahlen stammen
Die gesamtschweizerisch einheitliche Basis sind die Statistiken des Bundesamts für Statistik. Es führt Erwerbspersonen pro Kanton, Bezirk und Stadt nach denselben Regeln für alle Kantone. Erst das macht zwei Kantonswerte überhaupt vergleichbar.
Daneben führen kantonale Statistikstellen eigene Auswertungen. Der Kanton Freiburg stellt auf seiner Statistikseite die wichtigsten Statistiken zu Erwerbstätigkeit und Arbeitszeit zusammen. Solche kantonalen Reihen können feiner gegliedert sein und Merkmale ausweisen, die die Bundesstatistik nicht enthält; sie folgen aber den Definitionen, dem Erhebungsrhythmus und dem Publikationsstand der jeweiligen kantonalen Stelle.
Vor dem Zusammenführen zweier Quellen sind vier Punkte abzugleichen: Erhebungsrhythmus (jährlich, quartalsweise), räumliche Tiefe (Kanton, Bezirk, Gemeinde), Merkmalskatalog (Alter, Geschlecht, Branche, Pensum) und Revisionsstand der Reihe. Wer eine kantonale Reihe ungeprüft mit einer Bundesreihe kombiniert, erzeugt Differenzen aus Definitions- oder Stichprobenunterschieden – nicht aus dem Arbeitsmarkt.
Erwerbspersonen, Erwerbstätige, Vollzeitäquivalente: gleiche Zahl, andere Bedeutung
Erwerbspersonen umfassen die Erwerbstätigen und die Erwerbslosen, also alle Personen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Als erwerbstätig gilt, wer in der Referenzwoche mindestens eine Stunde gearbeitet hat. Zwei Kantone mit derselben Zahl von Erwerbspersonen können damit sehr unterschiedlich hohe Erwerbslosigkeit aufweisen; die Erwerbsquote setzt die Erwerbspersonen zusätzlich ins Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.
Kopfzahlen zählen Personen, Vollzeitäquivalente zählen Arbeitsvolumen: Zwei Teilzeitstellen zu 50 Prozent ergeben zwei Erwerbstätige, aber ein Vollzeitäquivalent. Ein Kanton oder eine Branche mit hohem Teilzeitanteil steht in einer Kopfzahl-Rangliste weiter oben als in einer Rangliste nach Arbeitsvolumen. Wer die Rangfolge zweier Kantone beurteilt, muss angeben, welche der beiden Grössen verwendet wurde.
Zwei weitere Effekte verzerren den Kantonsvergleich. Erstens die Grenzgängerinnen und Grenzgänger: Sie erscheinen in der Beschäftigung am Arbeitsort, nicht in der Wohnbevölkerung des Kantons. Zweitens die Abgrenzung zwischen Erwerbspersonen und Nichterwerbspersonen (Ausbildung, Pensionierung, Hausarbeit ohne Erwerbsabsicht), die je nach Quelle unterschiedlich gehandhabt wird. Ein Standortkanton mit vielen Grenzgängern und ein Wohnkanton mit tiefem Erwerbspersonenanteil lassen sich nicht mit denselben Zahlen beschreiben.
Lohnniveau als Ergänzung, nicht als Ersatz
Der Kanton Zürich hält in einer Mitteilung zum hohen Lohnniveau fest, dass der mittlere Lohn – der Median des standardisierten Bruttomonatslohns – im Kanton Zürich 2024 bei 7'500 Franken pro Monat lag. In den übrigen Landesteilen liegen die mittleren Löhne tiefer, besonders deutlich im Tessin und in der Ostschweiz. Nimmt man alle anderen Kantone zusammen, beträgt der Abstand gegenüber dem Kanton Zürich 600 Franken oder neun Prozent. Datengrundlage ist die Lohnstrukturerhebung 2024 des Bundesamts für Statistik für die Privatwirtschaft und die öffentliche Hand.
Der standardisierte Bruttomonatslohn rechnet unterschiedliche Arbeitspensen und Anstellungsbedingungen heraus. Er gilt für eine Vollzeitstelle mit 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche und zwölf Lohnzahlungen pro Jahr. Sozialabgaben sind nicht abgezogen, Schicht-, Sonntags- und Nachtzulagen sind enthalten, Überstundenvergütungen nicht. Unregelmässige Leistungen wie ein 13. Monatslohn oder ein Bonus sind anteilsmässig berücksichtigt.
Lohnangaben beantworten damit eine andere Frage als Beschäftigungszahlen: Sie sagen etwas über die Entschädigung einer standardisierten Stelle, nicht über die Zahl der Stellen oder das Arbeitsvolumen. Ohne Standardisierung sind kantonale Lohnvergleiche kaum aussagekräftig, weil Teilzeitanteile und Anstellungsbedingungen die Durchschnittswerte verschieben. Und selbst der standardisierte Lohnvergleich bleibt ein Durchschnitt über eine Branchenstruktur, die sich zwischen den Kantonen unterscheidet.
Medianlöhne im Kanton Zürich vs. übrige Kantone (2024)
- Kanton Zürich — 7'500 CHF
Warum Kantone strukturell anders dastehen
Regionen und Kantone sind wirtschaftlich durch unterschiedliche Branchen geprägt. In und um Basel arbeiten viele Beschäftigte bei Chemie- und Pharmafirmen, rund um den Neuenburgersee bei Herstellern von Uhren und Messinstrumenten, im Kanton Graubünden spielt der Tourismus eine wichtige Rolle. Im Kanton Zürich haben wissensintensive Dienstleistungsbranchen eine hohe Bedeutung: Überdurchschnittlich viele Beschäftigte arbeiten im Bereich IT und Telekommunikation, in der Finanz- und Versicherungsbranche sowie im Management und der Unternehmensberatung. In Produktionsbetrieben, in der Baubranche und in der Landwirtschaft gibt es dort weniger Beschäftigte als in anderen Kantonen.
Weil die Löhne in den wissensintensiven Branchen überdurchschnittlich hoch sind, trägt diese Zusammensetzung zum hohen Lohnniveau des Kantons Zürich bei. Hinzu kommt die hohe Präsenz von Grossunternehmen, die meist etwas höhere Löhne aufweisen als kleinere Betriebe. Die kantonale Statistikstelle hält fest, dass die Hälfte des Lohnunterschieds strukturbedingt ist und dass wertschöpfungsstarke Branchen ausstrahlen.
Für den Vergleich heisst das: Ein Kanton mit hohem Lohnniveau kann teurere Branchen beherbergen, ohne dass dieselbe Arbeit besser bezahlt wird. Ein reiner Kantonsvergleich ohne Strukturbereinigung sagt deshalb wenig über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen an einem Ort aus. Wer die Struktur nicht herausrechnen kann, muss sie wenigstens benennen: Branchenmix, Betriebsgrössenstruktur und Anteil wissensintensiver Dienstleistungen gehören zu jeder Interpretation einer Kantonszahl.
Branchenstruktur und wissensintensive Dienstleistungen im Kanton Zürich
- IT und TelekommunikationÜberdurchschnittlich viele Beschäftigte
- Finanz- und VersicherungsbrancheÜberdurchschnittlich hoher Anteil
- Management und UnternehmensberatungÜberdurchschnittliche Präsenz
- ProduktionsbetriebeUnterdurchschnittlich viele Beschäftigte
So wird ein Kantonsvergleich belastbar
Vor der Auswertung werden Kennzahl und Bezugsgrösse verbindlich festgelegt: Erwerbspersonen, Erwerbstätige, Erwerbsquote oder Vollzeitäquivalente, als Nenner die Wohnbevölkerung, die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter oder die Zahl der Arbeitsstunden. Danach werden Erhebungsjahr, Definitionen, räumliche Gliederung und Revisionsstand der Quellen abgeglichen, bevor Zahlen aus Bundes- und Kantonsstatistik in derselben Tabelle erscheinen.
In der Darstellung werden Kopfzahlen und Vollzeitäquivalente getrennt ausgewiesen, weil sie zu unterschiedlichen Rangfolgen führen. Ebenso wird vermerkt, ob eine Zahl nach Wohnort oder nach Arbeitsort abgegrenzt ist, damit Grenzgänger und Pendlerströme die Rangliste nicht stillschweigend verschieben. Struktureffekte werden benannt statt herausgerechnet, wenn keine Strukturbereinigung möglich ist.
Kleine Kantone gehören nicht in dieselbe Rangliste wie grosse: Die absolute Zahl der Erwerbstätigen misst zuerst die Kantonsgrösse, und bei kleinen Fallzahlen sind Zufallsschwankungen gross. Die Grenzen der Daten bleiben bestehen – kantonale Reihen lassen sich nicht ohne Definitionsabgleich mit Bundesdaten mischen, und eine Strukturbereinigung ist nur dort möglich, wo Erhebungen wie die Lohnstrukturerhebung die nötigen Merkmale enthalten. Ergebnisse, die diese Grenzen überschreiten, sagen mehr über die Methode als über den Arbeitsmarkt.
