
Prognosen und Risiken
Prognosen und Risiken meistern: Szenarien, Annahmen und Frühwarnsignale
Wie das Leben in der Schweiz bis zum Ende des Jahrhunderts aussehen wird – sozial, wirtschaftlich, politisch –, bleibt offen.
Warum sich die Zukunft nicht exakt voraussagen lässt
Wie das Leben in der Schweiz bis zum Ende des Jahrhunderts aussehen wird – sozial, wirtschaftlich, politisch –, bleibt offen. Die WSL-Geographin Lena Gubler benennt die Grenze der Vorhersage deutlich: «Das lässt sich nicht exakt voraussagen. Dafür sind die Entwicklungen zu unvorhersehbar. Das System ist zu komplex, zu viele Faktoren greifen ineinander.»
Daraus folgt kein Verzicht auf Vorausschau, sondern eine andere Methode: Statt eine einzige erwartete Zukunft zu behaupten, kommen wissenschaftlich erarbeitete Szenarien zum Einsatz. Sie zeigen mögliche Entwicklungen auf und stellen sie einander gegenüber – so bleibt sichtbar, welche Spielräume bestehen und wo Entscheidungen heute die Weichen stellen.
Vorteile und Grenzen der Szenarioanalyse für die Schweiz
- VorteileZeigt Bandbreite plausibler Entwicklungen; unterstützt strategische Planung; fördert Transparenz der Annahmen; ermöglicht frühzeitige Vorsorge
- GrenzenKeine Wahrscheinlichkeiten zugewiesen; Komplexität erfordert Fachwissen; nicht alle Risikokombinationen sind abgedeckt; externe Faktoren wie geopolitische Krisen schwer vorherzusehen
Fünf mögliche Wege: Szenarien statt Punktprognosen
Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben im Rahmen des Programms NCCS-Impacts fünf sozioökonomische Szenarien für die Schweiz entwickelt: die «Shared Socioeconomic Pathways-CH» (SSP-CH). Sie lehnen sich an die globalen SSP des Weltklimarats IPCC an, der solche Szenarien seit längerem für Klimamodellierungen verwendet.
Die SSP-CH zeichnen mögliche Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Bewusst werden diesen Entwicklungen keine Wahrscheinlichkeiten zugeschrieben. Der Nutzen liegt gerade darin, die Bandbreite plausibler Verläufe nebeneinanderzustellen, statt eine einzige Zukunft als die wahrscheinlichste auszugeben.
Wie stark solche Pfade durchschlagen, zeigt sich an den Emissionen: Eine neue Publikation unter dem Dach des National Centre for Climate Services (NCCS) stellt auf Basis der SSP-CH und verschiedener Klimapolitiken modellierte Treibhausgasemissionen für die Schweiz bis zum Jahr 2100 vor – und in der Modellierung unterscheidet sich der Ausstoss je nach Szenario deutlich. Das ist auch für Ressourcen-, Klima- und Infrastrukturfragen relevant, prägt die sozioökonomische Entwicklung doch den Ressourcenverbrauch, den Klimawandel und den Infrastrukturbedarf mit.
Annahmen und Treiber sichtbar machen
Szenarien sind nur so belastbar wie die Annahmen, auf denen sie beruhen. Die aktualisierte Klima-Risikoanalyse für die Schweiz, erarbeitet von INFRAS im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU), schlüsselt deshalb neben den klimatischen Veränderungen auch nicht-klimatische Treiber von Klimarisiken auf. So beeinflusst etwa die demografische Entwicklung das Risiko gesundheitlicher Belastungen durch Hitzewellen, während Wirtschaftswachstum und Siedlungsausdehnung das künftige Schadenspotenzial durch Naturgefahren erhöhen.
Häufig entstehen Risiken erst aus dem Zusammenspiel: Mehrere Gefahren können sich räumlich und zeitlich überlagern oder nacheinander auftreten – beispielsweise, wenn Starkniederschläge nach langer Trockenheit auf Böden fallen, die das Wasser nicht aufnehmen können. Über internationale Verflechtungen wirkt der Klimawandel im Ausland zudem indirekt auf die Schweiz ein. Wer Annahmen zu Demografie, Siedlungsentwicklung, Gefahrenkombinationen und indirekten Wirkungen offenlegt und überprüfbar hält, kann Szenarien gezielter nachführen und Fehlschlüsse früher erkennen.
Risiken erfassen und gewichten
Mit der nationalen Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz» (KNS) untersucht das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) systematisch, welche Katastrophen und Notlagen in der Schweiz auftreten können. Die neueste Ausgabe, die KNS 2025, deckt ein breites Spektrum bevölkerungsschutzrelevanter Gefährdungen aus Natur, Technik und Gesellschaft ab und erstellt daraus insgesamt 44 spezifische Gefährdungsszenarien. Jedes Gefährdungsdossier enthält Hintergrundinformationen wie Definition, Einflussfaktoren und Ereignisbeispiele sowie ein detailliert ausgearbeitetes Szenario. An der Aktualisierung der 44 Gefährdungsdossiers waren 265 Expertinnen und Experten aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft beteiligt.
Vergleichbar werden die Szenarien über zwölf Schadensindikatoren, die zusammen die gesamte Schadenssumme abbilden – etwa Todesopfer oder Versorgungsengpässe. Entscheidend für das Risiko ist die Kombination aus Häufigkeit und Schaden. Zu den Szenarien mit dem höchsten Risiko zählen laut KNS 2025 Pandemie, Strommangellage, Andrang Schutzsuchender, Stromausfall und Trockenheit. Andere Gefährdungen wie bewaffneter Konflikt, Erdbeben und KKW-Unfall sind ebenfalls sehr relevant. Weil sich die Risikolandschaft laufend verändert – durch Klimawandel, technologische Innovationen oder geopolitische Entwicklungen –, wird die Analyse alle fünf Jahre aktualisiert.
Höchste Risiken nach der KNS 2025: Häufigkeit und Schaden im Vergleich
- Pandemie
- Hoch (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
- Strommangellage
- Mittel bis Hoch (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
- Andrang Schutzsuchender
- Mittel (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
- Stromausfall
- Mittel (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
- Trockenheit
- Mittel (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
- Bewaffneter Konflikt
- Niedrig (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
- Erdbeben
- Niedrig (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
- KKW-Unfall
- Sehr niedrig (Häufigkeit), Hoch (Schaden)
Frühwarnsignale erkennen und einordnen
Orientierung für die Beobachtung konkreter Warnsignale bietet die Klima-Risikoanalyse des BAFU. Sie identifiziert 34 Klimarisiken sowie sechs Opportunitäten und teilt diese in fünf sektorenübergreifende Herausforderungen für die Schweiz ein.
Kernstück der Analyse ist die «9-Felder-Matrix», ein Instrument zur Visualisierung der Risikolandschaft der Schweiz. Die eine Achse zeigt, welche Risiken schon heute wichtig sind, die andere, wo bis 2060 die grössten Veränderungen zu erwarten sind. Besonders hoch fallen Klimarisiken aus, wenn das Risiko schon heute gross ist und zugleich grosse Veränderungen zu erwarten sind. Risiken durch den Klimawandel im Ausland sowie unerwartete und kombinierte Risiken bildet die Matrix nicht ab. Wer sie liest, erkennt, auf welche Signale sich Beobachtung und Vorsorge richten sollten – und wo eine ergänzende, qualitative Einschätzung nötig bleibt.
Klimarisiken und -opportunitäten in der BAFU-Klima-Risikoanalyse
- Ergebnis der 9-Felder-Matrix — Risiken mit hoher Aktualität und zukünftiger Veränderung
Vorsorge heisst, Annahmen zu überprüfen
Risikolandschaften verändern sich laufend. Risikoanalysen werden deshalb periodisch nachgeführt – die nationale Risikoanalyse KNS etwa alle fünf Jahre – und im Dialog zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft geschärft. Die Szenarien der WSL, die Klima-Risikoanalyse des BAFU und die KNS des BABS folgen derselben Grundlogik: mögliche Entwicklungen aufzeigen, Annahmen offenlegen, Risiken über vergleichbare Indikatoren gewichten und aus der Kombination von Häufigkeit und Schaden Prioritäten ableiten.
Für Unternehmen und öffentliche Stellen heisst das: Szenarien statt Punktprognosen verwenden und mehrere plausible Pfade nebeneinander durchdenken; die zugrunde liegenden Annahmen dokumentieren und mit klaren Zuständigkeiten regelmässig überprüfen; nicht-klimatische Treiber und das Zusammenspiel mehrerer Gefahren mitdenken; die Grenzen der eigenen Analyse benennen und durch qualitative Einschätzungen ergänzen; Frühwarnsignale festlegen und beobachten; sowie den Austausch mit Fachstellen, Branchen und Forschung suchen, damit aus Erkenntnissen rechtzeitig Massnahmen folgen.
Quellen
- admin.ch/de/newnsb/YqdrtU1UC0fH4kFcOpcrh
- bdo.ch/de-ch/publikationen/der-eu-ai-act-und-seine-folgen-f…
- blog.alertswiss.ch/de/rubriken/news-babs/die-nationale-risikoanalyse-ka…
- swissbanking.ch/de/themen/regulierung-compliance/hypothekarmarktregu…
- infras.ch/de/projekte/klima-klimawandel-risikoanalyse-schweiz
- swiss-economics.ch/projekt/items/effizienz_von_regulierungsinstrumenten…
- swissholdings.ch/themen/rahmenbedingungen-wirtschaftsrecht
- babs.admin.ch/dam/de/sd-web/TpSIfbVqL4NS/methodenbericht20133107-d…