
Unternehmenszahlen
Unternehmenszahlen einordnen: Umsatz, Wertschöpfung und Beschäftigung
Je nach Kennzahl erscheint dieselbe Firma in völlig anderem Licht. Ein Konzern weit oben in der Umsatzrangliste muss beim Beitrag zur wirtschaftlichen Leistung nicht an der Spitze stehen.
Umsatz, Wertschöpfung, Beschäftigung: drei Zahlen, drei Aussagen
Je nach Kennzahl erscheint dieselbe Firma in völlig anderem Licht. Ein Konzern weit oben in der Umsatzrangliste muss beim Beitrag zur wirtschaftlichen Leistung nicht an der Spitze stehen. Und wer beim Umsatz dominiert, schafft nicht zwangsläufig die meisten neuen Stellen. Wer Geschäftszahlen liest, sollte deshalb zuerst fragen: Was misst diese Zahl überhaupt?
Die drei Grössen beantworten drei verschiedene Fragen. Der Umsatz ist eine Bruttogrösse und zählt alles, was in Rechnung gestellt wird – unabhängig davon, wie viel davon im Unternehmen selbst entstanden ist. Die Wertschöpfung dagegen ist der eigene Beitrag, also das, was nach Abzug der Vorleistungen übrig bleibt. Die Beschäftigung wiederum ist eine Personengrösse und sagt nichts über Produktivität oder Wertschöpfung aus.
Wie weit diese drei Aussagen auseinanderliegen können, zeigen die Ergebnisse der Statistik der Unternehmensgruppen des Bundesamtes für Statistik (BFS) für 2024: Ausländisch kontrollierte Multinationale trugen knapp zwei Drittel zum Gesamtumsatz aller in der Schweiz tätigen Unternehmensgruppen bei. Den grössten Beschäftigungsanstieg erzielten dagegen die inländisch kontrollierten Multinationalen mit einem Plus von 1,4 Prozent. Umsatzstärke und Beschäftigungsdynamik finden sich also bei unterschiedlichen Gruppen.
Der vorliegende Artikel definiert die Kennzahlen nicht. Er erklärt vielmehr ihr Zusammenspiel: weshalb Umsatz, Wertschöpfung und Beschäftigung für sich allein wenig aussagen und erst im Vergleich mit Branche, Betriebsgrösse und Zeitreihe belastbar werden.
Umsatz, Wertschöpfung und Beschäftigung: Unterschiede im Schweizer Unternehmenssektor (2024)
- Umsatzanteil ausländisch kontrollierter Multinationale
- knapp zwei Drittel
- Wertschöpfung pro Vollzeitstelle (Finanzsektor)
- sehr hoch (langfristig stabil)
Umsatz: Bruttogrösse mit begrenzter Aussagekraft
Der Umsatz misst die Summe der in Rechnung gestellten Leistungen in einem Zeitraum. In diese Summe fliessen aber auch Positionen ein, die das Unternehmen nur durchreicht: zugekaufte Vorleistungen, praktisch unverändert weiterverkaufte Handelswaren oder durchlaufende Posten. Ein Handelsbetrieb kann deshalb einen sehr hohen Umsatz ausweisen, obwohl er selbst nur eine schmale Marge erwirtschaftet. Umgekehrt kann ein spezialisierter Zulieferer mit bescheidenem Umsatz einen erheblichen Teil seiner Leistung selbst erbringen.
Die Statistik der Unternehmensgruppen (STAGRE) des Bundesamtes für Statistik erhebt den Umsatz als monetäre Kennzahl und dokumentiert methodisch, wie der Umsatz geschätzt wird. Erstmals veröffentlicht wurde sie im November 2018. Neben strukturellen Angaben – etwa der Zahl der Gruppen, Unternehmen und Beschäftigten – erfasst sie monetäre Kennzahlen, darunter Warenimporte und -exporte sowie die Bruttowertschöpfung.
Besonders bei exportorientierten Gruppen fallen Umsatz und inländische Wertschöpfung auseinander. Ein grosser Teil des Umsatzes kann im Ausland entstehen oder auf Waren entfallen, die im Ausland hergestellt und nur über die Schweizer Gesellschaft abgewickelt werden. Wer aus einer Umsatzzahl direkt auf die wirtschaftliche Leistung am Standort Schweiz schliessen will, überschätzt diesen Zusammenhang systematisch.
Wertschöpfung: was nach den Vorleistungen übrig bleibt
Die Bruttowertschöpfung entspricht dem Umsatz abzüglich der Vorleistungen. Sie zeigt, welchen Wert ein Unternehmen mit eigenen Mitteln – Arbeit, Kapital, Wissen – den zugekauften Gütern und Dienstleistungen hinzufügt. Deshalb ist sie die aussagekräftigere Kennzahl, wenn die wirtschaftliche Leistung einer Firma oder einer Branche beurteilt werden soll.
Bei der Interpretation ist Vorsicht angezeigt: Die Bruttowertschöpfung wurde in der STAGRE erst 2024 erstmals veröffentlicht, und zwar vorerst als experimentelle Statistik. Die Zeitreihen sind entsprechend kurz; Vergleiche über mehrere Jahre oder mit anderen Statistiken sind mit Zurückhaltung zu lesen. Wer Wertschöpfungszahlen aus dieser Quelle verwendet, sollte die Methodik und den experimentellen Charakter offenlegen.
Aussagekräftig wird die Wertschöpfung vor allem pro Arbeitsstelle. Die Pharmaindustrie erwirtschaftete 2023 mit rund 50'000 Beschäftigten in Vollzeitäquivalenten eine Wertschöpfung von über 50 Milliarden Schweizer Franken – pro Vollzeitstelle also im Durchschnitt mehr als eine Million Franken. Auch der Finanzsektor hält seine Wertschöpfung pro Vollzeitstelle seit Jahren auf sehr hohem Niveau: Versicherungen wie Banken zählen zu den produktivsten Bereichen, und Dienstleistungen ergänzend zum klassischen Bank- oder Versicherungsgeschäft gewinnen an Gewicht.
Gemäss OECD zählt die Schweiz bei der Produktivität pro Arbeitsstunde zur internationalen Spitzengruppe: Sie liegt auf Platz 5, direkt hinter den USA und vor Dänemark, Belgien und den Niederlanden. Dieses Ergebnis wird kaufkraftbereinigt ausgewiesen. Da die Schweiz im internationalen Vergleich teuer ist, drückt das hohe inländische Preisniveau die kaufkraftbereinigte Produktivität – in Franken gerechnet muss sie entsprechend noch höher liegen.
Vorteile und Grenzen der Bruttowertschöpfung als Kennzahl
- Vorteilezeigt den eigenen Beitrag zur wirtschaftlichen Leistung; aussagekräftiger als Umsatz für Produktivität und Wertbeitrag
- Grenzenerstmals 2024 veröffentlicht als experimentelle Statistik; kurze Zeitreihen; methodische Offenlegung erforderlich
Beschäftigung: Köpfe, Vollzeitäquivalente und Eigentumsverhältnisse
Beschäftigungszahlen sind nur so eindeutig, wie es ihre Abgrenzung zulässt. Zunächst ist zu klären, ob Kopfzahlen oder Vollzeitäquivalente gemeint sind: Teilzeitpensen erscheinen bei Kopfzahlen als vollwertige Arbeitsplätze, bei Vollzeitäquivalenten dagegen anteilig. Ebenso entscheidend ist, ob nach Sitzland der Gruppe oder nach Arbeitsort gezählt wird und ob die Zahlen die kontrollierende Gruppe oder die einzelnen Tochterunternehmen erfassen. Je nach Abgrenzung erscheint dieselbe Gruppe unterschiedlich gross.
Für 2024 weist das BFS aus, dass 2,14 Millionen Personen in einer Unternehmensgruppe beschäftigt waren – 0,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt gehörten 66'293 Unternehmen zu einer Unternehmensgruppe; knapp drei Viertel dieser Tochterunternehmen und Beschäftigten waren Teil einer inländisch kontrollierten Gruppe. Auf dem Schweizer Arbeitsmarkt spielen Unternehmensgruppen eine treibende Rolle: Mehr als zwei von fünf Arbeitsplätzen im marktwirtschaftlichen Sektor sind bei ihnen angesiedelt.
Die Dynamik verläuft je nach Kontrolle und Branche unterschiedlich. Zwischen 2014 und 2023 wuchsen ausländische Unternehmensgruppen mit durchschnittlich 2,3 Prozent pro Jahr etwas dynamischer als die Schweizer Multinationalen mit 1,8 Prozent. Insgesamt legten die Bestände der Unternehmensgruppen in diesem Zeitraum stärker zu als die Gesamtbeschäftigung der Marktwirtschaft gemäss Statistik der Unternehmensstruktur (+1,9 Prozent gegenüber +1,1 Prozent im Jahresdurchschnitt).
In einzelnen Branchen stagnierte die Entwicklung dagegen oder war rückläufig. In den Bereichen «Metalle, Instrumente, Elektro und Maschinen», «Grosshandel» sowie «Finanz- und Versicherungsdienstleistungen» veränderte sich die Beschäftigung in den Unternehmensgruppen unter ausländischer Kontrolle kaum oder ging leicht zurück. Eine einzelne Wachstumszahl für alle Unternehmensgruppen verdeckt solche gegenläufigen Bewegungen.
Einordnen heisst vergleichen: Branche, Betriebsgrösse, Zeitreihe
Bewertbar wird eine Zahl erst mit einem Referenzrahmen. Für die Schweiz liefern die Strukturdaten der Wirtschaft diesen Rahmen: Über 99 Prozent der Firmen sind kleine und mittlere Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitenden. Auf den Dienstleistungssektor entfallen rund 74 Prozent des BIP, auf die Industrie etwa 25 Prozent, während die Landwirtschaft weniger als 1 Prozent beiträgt. Wichtigste Handelspartnerin ist die Europäische Union: Rund 50 Prozent der Schweizer Exporte gehen in EU-Länder, und rund 69 Prozent der Importe stammen von dort.
Für die zeitliche Einordnung helfen Wachstumsraten und längerfristige Vergleiche. Das BIP der Schweiz stieg 2023 zu Preisen des Vorjahres um 0,7 Prozent. Über zwei Jahrzehnte betrachtet wuchs das reale BIP pro Kopf hierzulande deutlich stärker als in Österreich: Zwischen 2006 und 2025 nahm es in der Schweiz um rund 17 Prozent zu, in Österreich dagegen nur um knapp 10 Prozent. Beim kaufkraftbereinigten BIP pro Kopf belegte die Schweiz 2025 gemäss IWF-Zahlen Rang 8 mit rund 97'500 Dollar, Österreich Rang 21 mit rund 75'000 Dollar.
Solche Vergleiche haben ihre Fallen. Kaufkraftbereinigte Werte lassen sich nicht mit Werten in laufenden Preisen vergleichen, das inländische Preisniveau verzerrt den Eindruck zusätzlich, und ein aussergewöhnlich starkes oder schwaches Vorjahr erzeugt Sockeleffekte, die das laufende Wachstum grösser oder kleiner erscheinen lassen, als es ist.
Deshalb lohnt es sich, Geschäftszahlen nicht als Momentaufnahme zu lesen. In der Unternehmensbewertung ist es üblich, die Geschäftszahlen der letzten drei bis fünf Jahre zu berücksichtigen, statt sich allein auf ein einzelnes Jahr zu stützen. Dasselbe Prinzip gilt für die Einordnung von Umsatz, Wertschöpfung und Beschäftigung: Erst mehrere Jahre zeigen, ob eine Entwicklung stabil ist oder nur eine Ausnahme bildet.
Entwicklung des realen BIP pro Kopf in der Schweiz und Österreich (2006–2025)
- 17%Schweiz
- 10%Österreich
Wichtige wirtschaftliche Kennzahlen für die Schweiz
Wirkung über die Firmengrenze hinaus: der geografische Perimeter
Unternehmen wirken nicht nur durch das, was sie selbst leisten. Neben den direkten Effekten einer Firma – ihren eigenen Beschäftigten und ihrer eigenen Wertschöpfung – entstehen indirekte Wirkungen bei Zulieferern und Vorleistern sowie induzierte Wirkungen aus den Einkommen der Beschäftigten und der Vorleister. Diese Effekte schlagen sich in Umsatz, Wertschöpfung und Beschäftigung nieder – und zwar an unterschiedlichen Orten.
Wer regionale Wertschöpfungs- und Beschäftigungsstudien liest, muss deshalb prüfen, welcher Perimeter gewählt wurde: die Gemeinde, der Kanton oder die Landesgrenze. Je nach Perimeter fallen die ausgewiesenen Effekte anders aus, weil Zulieferer, Arbeitskräfte und Einkommen über die Grenze des untersuchten Gebiets hinausreichen können. Eine Wertschöpfung, die einer Region zugeschrieben wird, kann tatsächlich bei einem Betrieb ausserhalb dieser Region anfallen.
Sinnvoll ist daher eine doppelte Prüfung: erstens, ob die Studie direkte, indirekte und induzierte Wirkungen sauber trennt und offenlegt, welche Annahmen sie dabei trifft; zweitens, ob die ausgewiesenen Effekte tatsächlich dort anfallen, wo sie vermutet werden. Wer diese beiden Fragen beantwortet, kann einschätzen, ob eine Zahl die wirtschaftliche Bedeutung eines Standorts wirklich beschreibt – oder nur eine von mehreren möglichen Betrachtungsweisen.
Quellen
- dievolkswirtschaft.ch/de/2026/04/warum-waechst-die-schweizer-wirtschaft-dy…
- admin.ch/de/newnsb/JYypuIwYkeNto03DLe3Sm
- economiesuisse.ch/de/artikel/exportunternehmen-sind-die-motoren-der-sc…
- vermoegenszentrum.ch/wissen/unternehmensbewertung-das-sollten-sie-wissen
- aboutswitzerland.eda.admin.ch/de/schweizer-wirtschaft-ueberblick
- lu.ch/gsd_publikationen
- dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/23766986/master
- dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/32257680/master