Unternehmenszahlen

Wertschöpfung nach Wirtschaftszweigen: BFS-Daten richtig lesen

Die Bruttowertschöpfung (BWS) ist im Produktionskonto die Differenz zwischen Produktionswert und Vorleistungen.

Was die Bruttowertschöpfung im Produktionskonto misst

Die Bruttowertschöpfung (BWS) ist im Produktionskonto die Differenz zwischen Produktionswert und Vorleistungen. Das Bundesamt für Statistik (BFS) führt dieses Konto und weist darin Produktionswert und Wertschöpfung nach Branchen und Sektoren aus. Vorleistungen sind Güter und Dienstleistungen, die im Produktionsprozess verbraucht werden; Investitionen verändern dagegen den Kapitalstock und gehören nicht dazu.

Die BWS ist weder Umsatz noch Gewinn noch Lohnsumme. Sie enthält die Entschädigung der Arbeitnehmenden, die Produktionsabgaben abzüglich Subventionen und den Betriebsüberschuss – eine Grösse vor der Verteilung, kein Ergebnis einer einzelnen Unternehmung. Wer den Umsatz einer Firma neben die BWS einer Branche legt, vergleicht zwei verschiedene Konzepte.

Die BWS ist eine Stromgrösse: Sie fällt für eine Periode an und wird in Franken zu laufenden Preisen ausgewiesen. Branchenwerte entstehen als Summe aller produzierenden Einheiten des betreffenden Abschnitts und lassen sich nicht auf einzelne Betriebe herunterbrechen. Für Zeitvergleiche braucht es daher Reihen zu konstanten Preisen oder eine getrennte Behandlung von Preis- und Mengenkomponente.

Produktions-, Einkommens- und Verwendungsansatz: drei Wege zum BIP

Nach der Definition der LUSTAT Statistik Luzern lässt sich das BIP mit dem Produktions-, dem Einkommens- oder dem Verwendungsansatz berechnen. Der Produktionsansatz summiert die Wertschöpfung der Branchen, der Einkommensansatz geht von den entstandenen Einkommen aus, der Verwendungsansatz stützt sich auf Konsum, Investitionen und Aussenhandel. Alle drei führen zum selben Gesamtergebnis, unterscheiden sich aber in der Gliederung.

Branchenwerte zur Wertschöpfung stammen aus dem Produktionsansatz und sind nicht mit Verwendungsaggregaten austauschbar: Der Endkonsum der privaten Haushalte (+2,4 %) und die Investitionen (+0,5 %, nach +2,2 % im Jahr 2023) sind Ausgabenkategorien für 2024, keine Branchenbeiträge. Wer aus einem Branchenwert auf Nachfragewirkungen schliesst, verwendet die falsche Rechnung.

Praktische Regel: Für Aussagen zur Angebotsstruktur – welche Branchen wie viel Wertschöpfung erzeugen – dient das Produktionskonto, für die Nachfragezusammensetzung die Verwendungsrechnung. Wachstumsbeiträge einer Branche zum BIP erfordern gewichtete Wachstumsraten, nicht den nominalen Anteilswert der Branche.

Vom Drei-Sektoren-Modell zu den Branchenabschnitten

Das BFS veröffentlicht das Produktionskonto nach Branchen, aggregiert nach Abschnitten; die Grafik stellt zusätzlich die Sektorebene dar. Sie zeigt den 1. Sektor mit Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei sowie den 2. Sektor; danach folgen die weiteren Abschnitte der Gliederung.

Für den 1. Sektor weist die Publikation «Bruttowertschöpfung nach Branchen – 2000, 2024» Anteile von 1,1 % und 0,6 % am Total der BWS aus. Zwei Werte für einen einzigen Sektor über gut zwei Jahrzehnte zeigen, wie grob die Sektorsicht bleibt: Innerhalb des Sektors liegen unterschiedliche Abschnitte, deren Entwicklung in einer einzigen Zahl verschwindet.

Wie stark solche Aggregate verdecken, illustriert die Entwicklung 2024 im Finanzbereich: Die Versicherungen registrierten eine besonders hohe Zunahme (+6,5 %), während die Wirtschaftsleistung der Finanzinstitute zurückging (−2,3 %). In einer Sektorzahl heben sich solche gegenläufigen Bewegungen auf. Inhaltliche Aussagen sollten deshalb auf der Abschnittsebene oder feiner ansetzen; die Sektorebene taugt für langfristige Strukturvergleiche, nicht für Branchenanalysen.

Wachstum der Bruttowertschöpfung nach Branchen (2024 vs. 2023)

Versicherungen
6.5
Finanzinstitute
2.3

Anteile am Total lesen, ohne Fehlschlüsse

Die BFS-Grafik zur Bruttowertschöpfung nach Branchen zeigt den «Anteil Bruttowertschöpfung (BWS) am Total der BWS in %». Jede dargestellte Zahl ist damit ein Verhältnis zweier beweglicher Grössen: dem Wert der Branche und dem Total aller Branchen.

Ein sinkender Anteil bedeutet nicht automatisch eine schrumpfende Branche. Wächst eine Branche um 1 %, das Total aber um 3 %, fällt ihr Anteil, obwohl sie absolut zulegt. Umgekehrt kann ein steigender Anteil bei stagnierender Gesamtwirtschaft eine nur leicht wachsende Branche auszeichnen.

Für Wachstumsaussagen sind daher die absoluten Reihen in Franken und die Veränderungsraten beizuziehen; der Anteil dient nur der Strukturbeschreibung. Beim Vergleich zweier Publikationen ist zusätzlich der Revisionsstand zu prüfen, weil sich das Total zwischen zwei Berechnungsständen verschiebt und damit alle Anteile. Unterschiedliche Anteilswerte aus unterschiedlichen Publikationsständen belegen keine Strukturverschiebung.

Laufende Preise oder preisbereinigt?

Als Anker dient das BIP 2024: Zu laufenden Preisen betrug es 854 Milliarden Franken und stieg um 2,4 %. Preisbereinigt, also zu Preisen des Vorjahres, betrug der Anstieg 1,4 %, bei einer Zunahme des allgemeinen Preisniveaus um 1,0 %. Nominales Wachstum und Mengenwachstum fallen deutlich auseinander.

Dieselbe Logik gilt für BWS-Reihen nach Branchen. Eine Reihe in Franken zu laufenden Preisen mischt Preis- und Mengenentwicklung; eine Aussage über «mehr oder weniger Produktion» lässt sich daraus nicht direkt ableiten. Dafür braucht es eine Deflationierung mit branchenspezifischen Preisindizes, weil sich die Preisentwicklung zwischen Branchen unterscheidet. Ein einziger gesamtwirtschaftlicher Deflator überträgt den Durchschnittspreis auf jeden Abschnitt und kann das Vorzeichen der Branchenentwicklung verfälschen.

Bei jeder zitierten Branchenzahl ist deshalb zu vermerken, ob sie zu laufenden oder zu konstanten Preisen ausgewiesen ist. Kaufkraft- oder Mengenvergleiche über Jahre sind nur mit preisbereinigten Reihen zulässig; Werte in Franken zu laufenden Preisen eignen sich für Struktur- und Niveauaussagen innerhalb desselben Jahres.

Warum BFS-Zeitreihen rückwirkend anders aussehen

Die Totalrevision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) führte das BFS in Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) durch, das die BIP-Quartalsschätzungen veröffentlicht. Für 1995–2023 sind neue Zeitreihen verfügbar; die Revision entspricht internationalen Standards und setzt methodische Verbesserungen um, indem sie neue Datenquellen berücksichtigt.

Die Revision hebt das BIP durchschnittlich um 1,8 Prozentpunkte. Für 1995–2023 ergab sich eine Korrektur des BIP zu laufenden Preisen von +1,1 bis +3,8 Prozentpunkten; ab 2021 führt sie zu einer besonders starken Zunahme von über 3 Prozentpunkten. Die für 2024 publizierten Werte (854 Milliarden Franken, +1,4 % preisbereinigt, +2,4 % zu laufenden Preisen) sind erste Schätzungen aus dieser Revision.

Für die Arbeit mit BWS-Reihen folgt daraus: Alte und neue Reihen dürfen nicht im selben Diagramm aneinandergereiht werden, weil der Niveauunterschied methodisch und nicht wirtschaftlich bedingt ist. Beim Zitieren sind Publikationsdatum und Revisionsstand mitzuführen; Niveauvergleiche zwischen einer vor und einer nach der Revision erstellten Grafik sind unzulässig. Ein Teil der beobachteten «Entwicklung» kann allein aus dem Wechsel der Berechnungsgrundlage stammen.

Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR): Schlüsseljahre

  • 20251995–2023: Neue Zeitreihen nach Totalrevision
  • 2024Erste Schätzungen für mit Revision — September 2025

Kantonale und stark gegliederte Werte: Schätzungen mit Unsicherheit

Die LUSTAT Statistik Luzern hält in ihrem Lexikon fest, dass die Strukturerhebung eine Stichprobenerhebung ist. Die Daten zu den in einer Branche tätigen Erwerbstätigen sind folglich Hochrechnungen mit Schätzungenauigkeiten. Bei kleineren Branchen und verstärkt auf Kantonsebene fällt die Schätzung der effektiven Zahl an Erwerbstätigen tendenziell ungenauer aus als in grösseren Branchen. Branchen-Arbeitslosenquoten auf dieser Basis sind deshalb nicht direkt mit den übrigen Arbeitslosenquoten vergleichbar und lassen sich weniger präzise angeben.

Für die Interpretation von Erwerbstätigenzahlen aus der Strukturerhebung ergeben sich konkrete Einschränkungen: Ranglisten von Kantonen in kleinen Branchen sind nicht belastbar, ein einzelner Jahresunterschied zwischen zwei Kantonen kann vollständig im Bereich der Schätzungenauigkeit liegen, und ein ausgewiesener Rückgang in einer kleinen Branche ist ohne Prüfung über mehrere Jahre nicht als Trend deutbar.

Als Arbeitsregel gilt, stark gegliederte Werte aus der Strukturerhebung zu grösseren Abschnitten oder zu Mehrjahresdurchschnitten zusammenzufassen, bevor Aussagen formuliert werden. Liegt nur ein hochgegliederter Wert vor, ist er als Schätzung mit Unsicherheit zu kennzeichnen; Unterschiede innerhalb dieser Unsicherheit sind keine Feststellung.

Wertschöpfung und Erwerbstätigkeit getrennt betrachten

Das BFS weist den Anteil erwerbstätiger Personen nach Wirtschaftssektor aus. Diese Beschäftigungsanteile lassen sich neben die BWS-Anteile stellen; so wird sichtbar, wo sich Wertschöpfung und Beschäftigung unterschiedlich verteilen.

Aus dem Nebeneinander folgt jedoch nicht unmittelbar die Produktivität. Eine BWS pro Kopf oder pro Erwerbstätigen setzt einen konsistenten Zähler und Nenner voraus: Erwerbstätige oder Vollzeitäquivalente, gearbeitete Stunden, Wertschöpfung zu laufenden oder zu konstanten Preisen. Werden Reihen mit unterschiedlicher Abgrenzung oder unterschiedlichem Preisstand kombiniert, entsteht eine Zahl, die keine der beiden Quellen stützt. Pro-Kopf-Rechnungen sind daher nur mit ausdrücklichem Hinweis auf die verwendete Datenbasis zulässig.

Kapital- und arbeitsintensive Branchen erzeugen unterschiedliche Muster: Wo hohe Anlageinvestitionen und Vorleistungen pro Beschäftigten anfallen, liegt die Wertschöpfung je Kopf typischerweise höher als in personalintensiven Dienstleistungen, ohne dass daraus auf leistungsfähigere Arbeitskräfte zu schliessen wäre. Für 2024 verzeichneten die nichtfinanziellen Gesellschaften ein deutliches Plus (+1,6 %), getragen von der chemischen und pharmazeutischen Industrie, dem Informatik- und Kommunikationssektor, dem Gesundheitswesen sowie dem Detailhandel – Branchen mit sehr unterschiedlicher Kapital- und Arbeitsintensität, weshalb ein einheitlicher Pro-Kopf-Vergleich über diese Gruppe irreführend ist.

Datenstand, Quelle und Bezugsformat prüfen

Die Wertschöpfungsdaten stammen aus dem Produktionskonto der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des BFS, das Produktionswert und Wertschöpfung nach Branchen und Sektoren ausweist. Die grafischen Publikationen sind «Bruttowertschöpfung nach Branchen – 2000, 2024» (29.09.2025) und «Bruttowertschöpfung nach Branchen – 1995, 2023» (27.08.2024), letztere mit der Quellenangabe «BFS – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) gr-d-04.02.03.01».

Die Datensätze des BFS stehen über den offenen Datenzugang in den Formaten ODS, CSV und HTML zur Verfügung. Die Klassifikation NOGA08 erscheint nur bei einem Teil der Wirtschaftsdatensätze im Titel – etwa beim Schweizerischen Lohnindex –, während andere Datensätze wie die Bauinvestitionen keine solche Angabe führen. Vor dem Herunterladen lohnt der Blick auf das Datum der letzten Aktualisierung von Metadaten und Daten, weil beide auseinanderfallen können.

Beim Zitieren gehören Titel, Jahr, Erhebungsstand, Revisionsstand und die verwendete Gliederung (NOGA08) in die Quellenangabe.

Mehr aus Unternehmenszahlen

Unternehmenszahlen

Unternehmensregister der Schweiz: Was Einträge und Statistik enthalten

In der Schweiz ist das Handelsregister dezentral organisiert: In erster Linie führen die Kantone das Register, in einzelnen Kantonen geschieht dies bezirksweise.

Kantonsdaten

Kantonale Wirtschaftsstruktur: Wertschöpfung und Betriebsgrössen vergleichen

Drei Fragen erfassen die Wirtschaftsstruktur eines Kantons aus unterschiedlichen Richtungen. Der Branchenmix zeigt, in welchen Wirtschaftszweigen die Beschäftigung liegt.