Konjunktur
Schweizer Konjunktur verstehen: BIP, Wachstum und Datenquellen
Das Bruttoinlandprodukt (BIP) misst die wirtschaftliche Leistung einer Region. Es zeigt, welcher Wert in einem Jahr in einem bestimmten Gebiet geschaffen wird.
Was das BIP über die Schweizer Konjunktur aussagt
Das Bruttoinlandprodukt (BIP) misst die wirtschaftliche Leistung einer Region. Es zeigt, welcher Wert in einem Jahr in einem bestimmten Gebiet geschaffen wird. Das Bundesamt für Statistik (BFS) weist es in Franken aus und veröffentlicht zusätzlich das BIP pro Einwohnerin und Einwohner. Für die Konjunkturbeobachtung zählt weniger das Niveau als die Veränderung: Mal wächst die Wirtschaft stärker, mal schwächer.
Die Frankenangabe erlaubt Vergleiche über die Zeit; aussagekräftig wird sie erst im Verhältnis zur Bevölkerungsentwicklung. Das BIP pro Kopf zeigt, welche Wirtschaftsleistung rechnerisch auf eine Person entfällt. Laut der Schnellschätzung des Seco nahm das BIP pro Kopf 2025 um 0,5% zu; seit 2019 beträgt das Plus 4,8%.
Als Orientierungsgrösse dient das langfristige Durchschnittswachstum. Für die Schweiz liegt es seit 1981 bei 1,8% pro Jahr. Die Schnellschätzung für 2025 wies 1,4% aus – deutlich unter diesem Mittel. Das herausfordernde internationale Umfeld bremste die exportorientierte Industrie, während der Dienstleistungssektor im historischen Vergleich überdurchschnittlich zulegte. Solche Vergleiche mit dem langfristigen Mittel helfen, einzelne Jahre richtig einzuordnen, statt vorschnell eine Trendwende zu sehen.
Das BIP ist kein umfassender Wohlstandsindikator. Es sagt nichts über Verteilung, Umweltbelastung oder unbezahlte Arbeit aus. Wer die Schweizer Konjunktur beurteilen will, sollte es deshalb mit Ergänzungsgrössen wie dem Bruttonationaleinkommen, dem BIP pro Kopf und der Beschäftigungsentwicklung kombinieren.
Vorteile und Grenzen des BIP als Konjunkturindikator
- Vorteile
- Messung der wirtschaftlichen Leistung, Vergleichbarkeit über Zeit, Basis für Wachstumsanalysen
- Grenzen
- Keine Aussage über Verteilung, Umweltbelastung oder unbezahlte Arbeit; nicht umfassender Wohlstandsindikator
Drei Wege zum selben BIP: Produktion, Verwendung und Verteilung
Das BIP lässt sich auf drei Arten berechnen. Der Produktionsansatz misst die marktwirtschaftliche Wertschöpfung einer Region: Er ermittelt den Wert der in einem Jahr produzierten Güter und Dienstleistungen und zieht die Vorleistungen ab. Der Verwendungsansatz betrachtet, wofür diese Wertschöpfung verwendet wird – etwa für Konsum oder Investitionen. Der Verteilungsansatz zeigt, wie der geschaffene Wert in der Volkswirtschaft verteilt wird, beispielsweise als Löhne.
So unterschiedlich die Zugänge sind: Definitionsgemäss müssen sie am Ende dasselbe Resultat ergeben. Diese Kontrolle ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Das BFS weist das BIP deshalb samt seiner Verteilung nach den drei Ansätzen aus.
In der laufenden Berichterstattung steht der Verwendungsansatz im Vordergrund, weil er die Konjunktur greifbar macht. Er gliedert die Verwendung in den Konsum der privaten Haushalte und des Staates, die Investitionen der Unternehmen sowie den Aussenhandel mit Gütern und Dienstleistungen. Daran lässt sich ablesen, ob die Binnennachfrage, die Investitionen oder der Export das Wachstum tragen – und ob der Aussenbeitrag positiv oder negativ ausfällt. Genau diese Komponenten erscheinen in den Medienmitteilungen zu den Jahreszahlen.
BFS und Seco: Wer welche BIP-Zahlen liefert
In der Schweiz sind zwei Institutionen für die Berechnung zuständig: das Bundesamt für Statistik (BFS) für die Jahreszahlen und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) für die Quartalszahlen. Diese Aufteilung erklärt, weshalb dieselbe Konjunktur in unterschiedlichem Takt und mit unterschiedlicher Detailtiefe kommuniziert wird.
Der Publikationsrhythmus ist fest etabliert. Ende Februar, zeitgleich mit dem BIP des vierten Quartals, publiziert das Seco jeweils eine erste BIP-Zahl für das gesamte Vorjahr. Jedes Jahr im August veröffentlicht das BFS seine erste BIP-Berechnung für das Vorjahr. Danach integriert das Seco die aktualisierten Jahreszahlen wieder in seine Quartalsrechnungen. Wer Zahlen aus verschiedenen Quellen nebeneinanderlegt, sollte deshalb prüfen, aus welchem dieser Schritte sie stammen.
Ergänzend publiziert das Seco das sogenannte Flash-BIP, eine Schnellschätzung für das vierteljährliche reale BIP rund 45 Tage nach Quartalsende. Für das zweite Quartal 2026 etwa wies die Seco-Erstschätzung auf bereinigter Basis ein reales Wachstum von 1,5% gegenüber dem Vorquartal aus. Die vollständige Publikation der Quartalszahlen folgt jeweils später – für das vierte Quartal 2025 war der 27. Februar 2026 vorgesehen, mit Details zur Produktions-, Verwendungs- und Einkommensseite sowie aktualisierten Berechnungen für die Vorquartale. Daneben veröffentlicht das Seco die Konjunkturtendenzen, in denen die Schätzungen kommentiert und eingeordnet werden.
Publikationsrhythmus der Schweizer BIP-Zahlen
- Februar: Seco – erste BIP-Schätzung für das VorjahrEnde Februar
- August: BFS – erste Jahresrechnung für das VorjahrAugust
Flash-BIP und Quartalsdaten: Schnell, aber vorläufig
Die Schnellschätzung ist bewusst ein Kompromiss zwischen Aktualität und Genauigkeit. Sie stützt sich auf früh vorliegende Informationen zur Produktionsseite des BIP. Grunddaten, die noch nicht vollständig verfügbar sind, werden mit prognostizierten Werten ergänzt. Die später verfügbaren, vollständigen und aktualisierten Daten können das Ergebnis noch verändern. Wer das Flash-BIP zitiert, sollte deshalb darauf hinweisen, dass es sich um eine vorläufige Zahl handelt.
Für das vierte Quartal 2025 wies die Schnellschätzung ein Wachstum von 0,2% aus – saison-, kalender- und sporteventbereinigt. Im Quartal entwickelten sich die beiden grossen Bereiche unterschiedlich: Der Dienstleistungssektor wuchs nur verhalten, der Industriesektor stagnierte. Solche Angaben sind erste Hinweise auf die konjunkturelle Dynamik, ersetzen die Detailrechnung aber nicht.
Die vollständigen Quartalszahlen liefern anschliessend die Gliederung nach Produktions-, Verwendungs- und Einkommensseite sowie aktualisierte Werte für die Vorquartale. Erst dann lässt sich sagen, welche Branchen zum Wachstum beigetragen haben und wie sich Konsum, Investitionen und Aussenhandel entwickelt haben. In der Praxis empfiehlt es sich, das Flash-BIP als Frühindikator zu lesen und für Analysen auf die konsolidierten Quartals- und Jahreszahlen zurückzugreifen.
Wachstumstreiber 2025: Binnennachfrage, Investitionen und Aussenhandel
Die erste BFS-Schätzung für 2025 weist ein BIP-Wachstum von 1,6% zu Preisen des Vorjahres aus, nach 1,5% im Jahr 2024. Getragen wurde das Wachstum von der hohen Binnennachfrage, die um 2,5% zulegte. Besonders die Investitionen trugen mit einem Plus von 3,5% zum Aufwärtstrend bei; im Vorjahr hatten sie stagniert. Das Bruttonationaleinkommen zu laufenden Preisen erhöhte sich um 2,5%, was mit dem verbesserten Saldo der Einkommensbilanz mit dem Ausland zusammenhängt.
Beim privaten Konsum verlangsamte sich das Wachstum: Die Konsumausgaben der privaten Haushalte und der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck stiegen 2025 um 1,8%, nach einem Plus von 2,1% im Jahr 2024. Auftrieb gaben vor allem die Ausgaben für Gesundheit, Verkehr und Gastgewerbe; rückläufig waren dagegen die Konsumausgaben für Tabakwaren und alkoholische Getränke.
Auf der Investitionsseite entwickelten sich beide Hauptkomponenten markant: Die Investitionen in Ausrüstungsgüter nahmen um 3,7% zu. Das Baugewerbe entwickelte sich insbesondere dank eines Plus bei den Neubauten wieder positiv und legte um 2,9% zu, während das Wachstum im Tiefbau mit 1,9% moderater ausfiel – unter anderem wegen steigender Preise.
Im Aussenhandel fiel die Schere zwischen Exporten und Importen auf: Die Importe verbuchten mit 11,7% ein grösseres Plus als die Exporte mit 5,9%, wodurch der Handelsbilanzüberschuss nach einem Anstieg im Vorjahr wieder zurückging. Hauptgrund war, dass die Warenimporte ohne Gold stärker wuchsen als die Warenexporte (+10,5% gegenüber +4,8%). Der Handel mit Dienstleistungen entwickelte sich gegenläufig und verzeichnete einen höheren Überschuss, da die Exporte um 1,8% stiegen, während die Importe um 0,7% zurückgingen.
Branchenseitig entwickelten sich das verarbeitende Gewerbe und die Herstellung von Waren insgesamt positiv (+2,4%). Hauptmotor dieses Anstiegs waren die Kokerei und Mineralölverarbeitung sowie die Herstellung chemischer und pharmazeutischer Erzeugnisse mit einem Plus von 8,1%.
Vorläufig, revidiert, nie definitiv: Warum sich BIP-Zahlen ändern
BIP-Zahlen sind nie endgültig. Sie werden zu Beginn des Folgejahres erstmals berechnet und später revidiert – worauf die Fachpublikation «Die Volkswirtschaft» hinweist: Wirklich definitiv ist das BIP nie. Der Grund liegt in der Sache: Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung stützt sich auf Daten aus verschiedenen Quellen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unterschiedlicher Qualität vorliegen. Neue Informationen führen zu Korrekturen.
Die jüngsten Beispiele zeigen, wie gross solche Korrekturen ausfallen können. Die erste Schätzung für 2025 und die zugrunde liegende Revisionspolitik führten dazu, dass das BIP-Wachstum 2024 von 1,4% auf 1,5% angehoben wurde. Gestützt auf neue Informationen wurden die Ergebnisse für 2023 und 2024 zusätzlich um 0,2 bzw. 0,1 Prozentpunkte korrigiert.
Auch zwischen Schnellschätzung und späterer Jahresrechnung bestehen Unterschiede. Für 2025 wies die Schnellschätzung des Seco ein Wachstum von 1,4% aus, die erste BFS-Schätzung vom August 2026 nennt 1,6%. Solche Abweichungen sind kein Fehler, sondern Folge von Methodik und Datenstand: Das Flash-BIP beruht auf der Produktionsseite und ergänzt fehlende Werte durch Prognosen, während die Jahresrechnung auf breiterer Datenbasis fusst.
Für die Interpretation folgt daraus ein einfacher Grundsatz: Wer Wachstumsraten vergleicht, sollte dieselbe Quelle, dieselbe Revisionsstufe und denselben Bereinigungsstand verwenden. Kleine Differenzen zwischen zwei Publikationen sind normal und sollten nicht als konjunkturelle Wende gedeutet werden.
Saison-, Kalender- und Sportevent-Effekte richtig lesen
Das Seco bereinigt das BIP um Saison-, Kalender- und Sportevent-Effekte, damit Quartalsvergleiche aussagekräftiger werden. Saisonale Schwankungen treten jedes Jahr zur gleichen Jahreszeit auf: Die Bauindustrie kennt ein Sommerhoch, und die Konsumausgaben steigen gegen Jahresende. Ohne Bereinigung würde ein Vergleich des zweiten mit dem vierten Quartal vor allem diese wiederkehrenden Muster abbilden – und nicht die konjunkturelle Entwicklung.
Kalendereffekte entstehen durch die unterschiedliche Anzahl Arbeitstage in einem Jahr. Fällt Weihnachten beispielsweise auf ein Wochenende, hat das Jahr mehr Arbeitstage. Auch solche Verschiebungen verzerren den Vergleich zwischen zwei Perioden, obwohl sie nichts über die wirtschaftliche Dynamik aussagen.
Sportevent-Effekte hängen damit zusammen, dass grosse internationale Sportanlässe wie Olympische Spiele oder Fussballweltmeisterschaften typischerweise nur in geraden Kalenderjahren stattfinden. Solche Anlässe erhöhen das BIP in einem bestimmten Quartal – bei Saisoneffekten – beziehungsweise in einem bestimmten Jahr – bei Kalender- und Sportevent-Effekten – und werden deshalb herausgerechnet.
In der Berichterstattung ist die Angabe «saison-, kalender- und sporteventbereinigt» zentral. Sie bedeutet, dass die Zahlen um diese wiederkehrenden oder einmaligen Sonderfaktoren korrigiert wurden und sich deshalb eher für den Vergleich aufeinanderfolgender Quartale eignen. Unbereinigte Werte bleiben für andere Fragestellungen nützlich, etwa für die Beurteilung des Niveaus oder für die Verknüpfung mit anderen Jahresgrössen.
Datenquellen und Bezug für eigene Analysen
Wer mit Schweizer Konjunkturdaten arbeitet, findet die zentralen Zahlen bei zwei Stellen. Das Bundesamt für Statistik verantwortet die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und publiziert das BIP, dessen Verteilung nach den drei Ansätzen sowie das BIP pro Einwohnerin und Einwohner. Das Staatssekretariat für Wirtschaft liefert die Quartalszahlen, die Schnellschätzung (Flash-BIP) und die Konjunkturtendenzen, in denen die Ergebnisse kommentiert und mit Exkursen ergänzt werden.
Als Ergänzungsgrössen lohnen sich das Bruttonationaleinkommen, das BIP pro Kopf und das langfristige Durchschnittswachstum. Das Bruttonationaleinkommen zu laufenden Preisen zeigt die Einkommensseite und reagiert auch auf die Einkommensbilanz mit dem Ausland. Das BIP pro Kopf relativiert die Gesamtgrösse an der Bevölkerungsentwicklung. Das Durchschnittswachstum seit 1981 von 1,8% pro Jahr dient als Referenzlinie, um ein einzelnes Jahr einzuordnen; das BIP pro Kopf wuchs 2025 um 0,5%, seit 2019 um 4,8%.
Beim Bezug der Zahlen sollten drei Dinge mitgelesen werden: ob es sich um eine Schnellschätzung, eine Erstschätzung oder eine revidierte Zahl handelt; ob die Werte bereinigt oder unbereinigt sind; und ob sie zu laufenden Preisen oder zu Preisen des Vorjahres ausgewiesen werden. Nur so sind Werte überhaupt vergleichbar. Je nach Anbieter unterscheiden sich zudem die Niveauangaben: Statista bezifferte das BIP der Schweiz für 2025 auf rund 867,79 Milliarden Franken. Für konjunkturelle Aussagen sind die amtlichen Reihen von BFS und Seco die massgebende Grundlage.
Quellen
- bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/volkswirtschaft/volkswirtsch…
- ebgb.admin.ch/de/newnsb/mFIgs3127AHFrl1muFg2i
- bafu.admin.ch/de/newnsb/Bee9ER2QP-B1LdJWN1wFP
- dievolkswirtschaft.ch/de/2024/09/vom-bip-zum-revidierten-bip
- de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_der_Schweiz
- fuw.ch/schweizer-bip-waechst-im-2-quartal-2026-um-1-5-65828…
- de.statista.com/statistik/daten/studie/14415/umfrage/bruttoinlandspr…
- tagesanzeiger.ch/wirtschaft-schweiz-das-bip-als-massstab-ist-ein-ausl…